Früher war mehr Lametta
Weihnachten, das Fest der Liebe – oder wie es ehrlicher hieße: das Fest der Geschenke. Dass wir jedes Jahr kollektiv in Kaufhäuser pilgern, Glühwein trinken, Last Christmas ertragen und dabei so tun, als würden wir über einen armen Zimmermann aus Nazareth reden, ist eigentlich ein Geniestreich der Geschichte. Denn ursprünglich war Weihnachten ein christlicher PR-Coup. Man nahm die Wintersonnenwende, packte einen Sonnengott zur Seite, klebte das Etikett „Geburt Jesu“ drauf – und schwupps: alle kamen. Schon im Jahr 336 wurde der 25. Dezember in Rom als Geburt Christi gefeiert. Clever, nicht?
Die Kirche war von Anfang an nicht doof. Tannenzweige gegen Winterdepression? Heidnisch, aber praktisch. Kerzen gegen die Dunkelheit? Noch heidnischer, noch praktischer. Alles schnell umgetauft, und schon hatte man einen religiösen Supermarkt: Krippe plus Paganismus. Zwei zum Preis von einem.
Im Mittelalter wurde Weihnachten dann endgültig zur Vollrausch-Liturgie. Zwölf Tage Gelage, Musik, Theater. Studenten krönten jedes Jahr einen „Weihnachtskönig“ – im Prinzip eine Vorstufe von Karneval, nur mit mehr Ochs am Spieß. Heinrich III. von England futterte mit seinen Gästen mal eben 600 Ochsen weg. Puritaner hingegen hielten Weihnachten für den Inbegriff von Sünde und verboten das Fest kurzerhand. Ergebnis: Aufstände, Bürgerkrieg. Fazit: Finger weg vom Fest – es ist stärker als jede Armee.
Vom Stall zur Shopping-Mall
Spätestens im 19. Jahrhundert entdeckte man die wahre Magie von Weihnachten: Umsatz. Die Industrialisierung brachte nicht nur rauchende Schornsteine, sondern auch rauchende Kassen. Dickens schrieb A Christmas Carol, und plötzlich war klar: Weihnachten ist ohne Geschenke ungefähr so sexy wie Silvester ohne Böller. Sein Geizhals Scrooge musste lernen, dass man nur durch großzügiges Schenken vom Arschloch zum Menschen wird. Das war die moralische Botschaft – und die erste literarische Produktplatzierung für Festtagsgans und Plumpudding.
Zeitgleich kam der Weihnachtsbaum in Mode. Queen Victoria ließ sich 1848 mit einem Tannenbaum ablichten – und die Welt kopierte es. Heute gibt es keinen 24. Dezember ohne Tanne im Wohnzimmer. Und wo ein Baum steht, da liegen Geschenke drunter. Das wusste selbst der dümmste Krämer.
Auch die Bescherung wurde clever verschoben: weg vom Nikolaustag, hin zum Heiligabend. So mussten die Eltern nur einmal im Jahr Geschenke kaufen, dafür aber größere. Marketing mit Heiligenschein.
Bald schon bastelte man Weihnachtskarten, dekorierte Schaufenster, und amerikanische Kaufhäuser ließen Männer in roten Mänteln herumstapfen, um Kinder anzulocken. Der Kaufhaus-Weihnachtsmann war geboren. Seitdem gilt: Kein Dezember ohne rot-weißes Maskottchen, kein Konsumtempel ohne Ho-ho-ho.
Der Coca-Cola-Weihnachtsmann
Und dann kam Coca-Cola. 1931 engagierte man Haddon Sundblom, der einen gemütlichen, rundlichen Santa malte – nicht mehr als drohenden alten Mann, sondern als freundlichen Onkel, der zufällig auch Cola trinkt. Mit Pelzsaum, rotem Mantel, weißem Bart. Dieses Bild knallte in die Köpfe wie ein zu süßer Softdrink. Bis 1964 malte Sundblom jedes Jahr neue Versionen, und Coca-Cola verbreitete sie weltweit. Ergebnis: Jeder Weihnachtsmann, den wir heute kennen, sieht aus wie eine Mischung aus Cola-Flasche und Kuschelbär.
Ja, Rot trug Santa auch vorher schon. Aber Coca-Cola machte daraus die globale Uniform. Heute glaubt halb Europa, Santa sei eine Werbefigur. In gewisser Weise stimmt das. Er ist kein Heiliger mehr, sondern ein Maskottchen – ein wandelnder Werbespot für Konsum.
Kleine Randnotiz: 1939 erfand eine Kaufhauskette in den USA auch noch Rudolph, das Rentier mit der roten Nase. Marketing funktioniert eben. Und in Deutschland? Da startete 2002 das Bonifatiuswerk eine „Weihnachtsmannfreie Zone“. Spoiler: Santa hat gewonnen. Nikolaus sitzt in der Ecke und schaut traurig.
Konsum als Ersatzreligion
Soziologen sehen im modernen Weihnachten längst kein Kirchenfest mehr, sondern eine säkulare Ersatzreligion. Es gibt Liturgie (Black Friday, Advent, Bescherung, Umtausch), es gibt Symbole (Baum, Kerzen, Rentier mit Blinknase), und es gibt eine Gemeinde (Familie, Kollegen, WhatsApp-Gruppen). Walter Benjamin nannte den Kapitalismus schon 1921 eine Religion. Weihnachten ist ihr Hochamt.
Geschenke sind das Ritual, das uns zusammenhält. Marcel Mauss beschrieb das Schenken als universelles soziales Band. Heute heißt das: Wir geben uns Dinge, die wir nicht brauchen, mit Geld, das wir nicht haben, um Leute zu beeindrucken, die wir nur mäßig mögen. Klingt depressiv, ist aber zutiefst menschlich.
Und ja, die Werte haben sich verschoben. Familie, Liebe, gutes Essen stehen weit über Kirche. In Deutschland sagen nur noch 13 Prozent, dass Weihnachten für sie religiös wichtig ist. Der Rest freut sich auf den Braten und den Sekt. Gottesdienst? Wenn überhaupt, dann wegen „O du fröhliche“ und Kerzenschein.
Stille Nacht, weltliche Nacht
Kirchliche Deutungshoheit? Schnee von gestern. Weihnachtsmärkte heißen heute Wintermärkte. Krippenspiele werden gestrichen, um niemanden zu triggern. Kinder wissen oft nicht mehr, dass es eigentlich um die Geburt von Jesus geht. Manche halten Weihnachten sogar für den Geburtstag des Weihnachtsmanns. Ehrlich gesagt: Klingt plausibler, wenn man sich die Realität anschaut.
Kirchen versuchen gegenzuhalten, aber sie kämpfen gegen Netflix, Amazon Prime und Coca-Cola. Wer gewinnt, wenn „Kevin – Allein zu Haus“ läuft, während die Christmette beginnt? Richtig: Macaulay Culkin.
Weihnachten ist heute ein globales Popkultur-Event. Jesus ist die Randnotiz. Santa ist der Headliner. Und wir alle grölen mit.
Das Ding is
Weihnachten hat überlebt, aber nicht als Krippe, sondern als Kaufhaus. Das muss man nicht nur beklagen – es zeigt, wie mächtig Rituale sind. Selbst wenn man den Sinn austauscht, bleibt die Form. Die Familie sitzt zusammen, es gibt Geschenke, es gibt Essen, es gibt Lichter. Vielleicht ist das genug. Vielleicht ist das sogar gut.
Aber: Wer Weihnachten nicht völlig im Konsum ersaufen lassen will, könnte ein kleines Experiment wagen. Weniger Zwang, weniger Ramsch, mehr Zeit. Das Fest entschleunigen, statt es zu beschleunigen. Santa darf bleiben, aber vielleicht sitzt er dieses Jahr mal neben der Krippe, mit einer Cola in der Hand, und hört dem Engel zu. Das wäre doch ein Bild.
Herzlichst, Mike
Was bedeutet dir Weihnachten? Geschenke, Krippe oder einfach nur der Cola-Santa? Schreib es in die Kommentare – ich bin gespannt.
Quellen
- Weihnachten – Ursprung, Datum und Geschichte – Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachten - Weihnachtsmann – Entstehung der Figur, Moore, Nast, Sundblom – Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachtsmann - Haddon Sundblom – Coca-Cola-Weihnachtsmann – Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Haddon_Sundblom - Bescherung – Verlagerung vom Nikolaustag – Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Bescherung - Morgen kommt der Weihnachtsmann (1835) – Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Morgen_kommt_der_Weihnachtsmann - „Weihnachtsmannfreie Zone“ – Bonifatiuswerk – Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachtsmannfreie_Zone - Weihnachten historisch: Wie das Fest zu dem wurde, was es heute ist – National Geographic Deutschland https://nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2021/12/weihnachten-historisch-wie-das-fest-zu-dem-wurde-was-es-heute-ist/
- Charles Dickens’s A Christmas Carol – The Morgan Library & Museum (Online-Ausstellung, Manuskript) https://www.themorgan.org/collections/works/dickens/ChristmasCarol
- Weihnachten – Warum wir uns beschenken und was Charles Dickens damit zu tun hat – Humboldt-Universität zu Berlin https://www.hu-berlin.de/de/pr/nachrichten/dezember-2022/nr-221219-1
- Forschung & Lehre 12/2023 (E-Paper): Weihnachten als „Fest der Liebe/Familie/Geschenke“ https://forschung-und-lehre.epaper-archiv.de/fileadmin/user_upload/forschungUndLehre/2023/12/932/
- Weihnachten 2024 – Statistiken und Erkenntnisse – Philipp A. Rauschnabel (Studie, Umfragedaten u. a. 13 % Religionsbezug) https://www.philipprauschnabel.com/xmas/weihnachten-2024-statistiken-und-erkenntnisse/