Amt = raus. So sieht Wohnungsnot in Pforzheim aus
In Pforzheim passiert gerade etwas, das man nicht mehr schönreden kann: Wenn du wenig Geld hast, bist du auf dem Wohnungsmarkt nicht einfach „schlechter gestellt“. Du bist raus. Komplett. Und zwar nicht, weil du irgendwas verbockt hast, sondern weil du arm bist. Punkt.
Da sind zum Beispiel zwei Rentner. Keine Drama-Queens, keine „alles ist so schlimm“-Leute. Einfach zwei Menschen mit kleiner Rente, die ohne Hilfe vom Amt nicht mal die aktuelle Miete sauber stemmen könnten. Die wohnen zu zweit in einer kleinen Wohnung und treten sich gefühlt gegenseitig auf die Füße. Nicht, weil sie das romantisch finden. Sondern weil sie keine Chance haben, was Bezahlbares zu finden.
Und dann kommt der Teil, der richtig hässlich ist: Sie suchen nicht mal „zu teuer“. Sie suchen „überhaupt“. Und kriegen trotzdem nur Absagen. Nicht wegen Schufa, nicht wegen Krawall, nicht wegen „wir haben uns anders entschieden“. Sondern wegen einem Satz, der in einem Land wie Deutschland eigentlich ein Skandal sein müsste:
Wir nehmen niemanden mit Amt.
Damit ist alles gesagt.
Vermieterangst? Oft ist das einfach Verachtung
Und ja, ich weiß: Vermieter haben Angst vor Stress, vor Ärger, vor Mietausfall, vor Papierkram. Blabla. In der Realität ist das oft nicht „Angst“, das ist Verachtung mit Krawatte. Dieses „Mit solchen Leuten will ich nix zu tun haben“-Denken. Klassendenken. Mensch 2. Klasse. Und das ist nicht nur asozial, das ist auch dumm, weil es eine ganze Gruppe pauschal abstempelt, die oft sogar stabiler zahlt als mancher „Topverdiener“: nämlich wenn die Unterstützung läuft.
Amt-Drama: Papierkrieg, Wartezeit, Obergrenze aus der Steinzeit
Jetzt kommt die zweite Ebene: das Amt-Drama. Weil selbst wenn jemand einen Vermieter findet (selten genug), fängt das nächste Theater an. Endlose Wartezeiten. Formulare bis zum Nervenzusammenbruch. Keine Erreichbarkeit. Dann: „Bringen Sie noch X.“ Dann: „Das fehlt noch.“ Dann: „So geht das nicht.“ Dann: Angst vor Sanktionen. Und am Ende die Königsdisziplin: Mietobergrenzen, die nicht mehr zur echten Welt passen. Damit kannst du suchen, bis du tot bist.
Und währenddessen reden Leute in Anzügen von „Wohnraumoffensive“ und „Bauen, bauen, bauen“. Ja. Super. Nur: Wo ist es denn?
In Pforzheim liegt die durchschnittliche Nettokaltmiete laut offiziellem Mietspiegel inzwischen bei 8,58 Euro pro Quadratmeter (Stand: Mietspiegel 2025, gültig ab 1. April 2025).
Und selbst wenn du sagst „okay, Durchschnitt“, heißt das nicht, dass du zu diesem Preis irgendwas findest, das auch nur ansatzweise passt – erst recht nicht, wenn du im unteren Segment suchst, wo alle gleichzeitig reinwollen.
Und genau da knallt dir die Realität noch mal ins Gesicht: Bei den beliebtesten Mietwohnungen ist der Andrang absurd. ImmoScout beschreibt bei der „meistgesuchten Mietwohnung“ im Schnitt 22 Kontaktanfragen pro Tag. Und bei richtig begehrten, günstigen Wohnungen können es laut Berichten sogar extrem viele Anfragen in kurzer Zeit sein.
Heißt übersetzt: Du konkurrierst nicht mit „ein paar anderen“. Du konkurrierst mit einer Menschenmenge. Und wenn du dann auch noch „Amt“ draufstehen hast, bist du bei vielen schon raus, bevor du überhaupt Hallo sagen kannst.
Sozialwohnungen verschwinden – und alle tun überrascht
Und jetzt der Teil, der mich wirklich ankotzt: Das ist nicht nur „der Markt“. Das ist politisch gewolltes Wegducken. Sozialwohnungen verschwinden seit Jahren schneller, als neue entstehen. Der Bundestag hat das schwarz auf weiß: 2014 waren es noch rund 1,46 Millionen Sozialmietwohnungen, Ende 2023 nur noch 1,07 Millionen.
Und Ende 2024 lag der Bestand laut Bundesregierung bei 1.046.031 Sozialwohnungen – wieder weniger als im Jahr davor.
Das heißt: Unten wird der Boden weggezogen, während oben alle so tun, als wäre das eine Naturkatastrophe. Nein. Das ist eine Entscheidung. Über Jahre. Und die Folgen tragen die, die am wenigsten Luft haben.
Und dann stehen Vermieter da und sagen: „Ja, ist halt schwierig.“ Nein, ist es nicht. Schwierig ist, jeden Monat zu rechnen, ob Essen oder Nachzahlung. Schwierig ist, ständig wie ein Bittsteller behandelt zu werden. Schwierig ist, sich von einem System verhören zu lassen, nur um irgendwo wohnen zu dürfen.
Was jetzt passieren muss
- Mehr sozialer Wohnungsbau in Pforzheim – jedes Jahr messbar. Nicht „Ziel“, nicht „Strategie“, sondern Anzahl. Und wenn’s nicht klappt: Verantwortliche benennen.
- Mietobergrenzen an die Realität anpassen. Wenn die Obergrenze unter dem Markt liegt, ist sie keine Hilfe – sie ist ein Witz.
- Miete direkt an den Vermieter verpflichtend machen, wenn Amt im Spiel ist. Wenn Vermieter angeblich „nur Sicherheit“ wollen: Bitte. Dann gibt’s sie. Ausrede weg.
- Genehmigungen beschleunigen. Weniger endlose Schleifen, weniger Behörden-Pingpong. Wer bauen will, darf nicht erst drei Jahre Anlauf nehmen.
- Leerstand anpacken. Nicht nur „appellieren“. Wer Wohnraum leer stehen lässt, während Menschen nichts finden: das muss wehtun.
Das Ding is
Das ist nicht nur ein Pforzheim-Problem. Das ist überall so, wo Wohnraum knapp ist und der Markt entscheidet, wer „würdig“ genug ist. Wer genug Kohle hat, bekommt Antworten, Besichtigungen, Chancen. Wer wenig hat oder Hilfe braucht, wird aussortiert – oft nicht mal heimlich, sondern ganz offen. Und genau das ist der eigentliche Skandal: Armut wird behandelt wie ein Charakterfehler. Wenn Politik das ernst meint, muss sie liefern statt labern: mehr sozialer Wohnungsbau, Mietobergrenzen, die zur Realität passen, schnellere Ämter ohne Papierkrieg, und Lösungen, die Vermietern die Ausreden nehmen – zum Beispiel direkte Mietzahlung an den Vermieter, wenn Amt im Spiel ist. Und Vermieter müssen kapieren: Menschen sind keine Risiko-Klassen wie bei einer Versicherung. Wer Hilfe braucht, ist nicht weniger wert. Wer das trotzdem so behandelt, ist nicht „vorsichtig“, sondern einfach ein Teil des Problems.
Herzlichst, Mike
Und jetzt bist du dran: Schreib in die Kommentare, was bei dir in Pforzheim abgeht – Wohnungssuche, Absagen, Amt-Theater, Vermieter-Sprüche. Auch wenn du mir widersprichst. Im Blog wird diskutiert, nicht geschniegelt genickt.
Quellen:
Stadt Pforzheim
Scout24
Deutschlandfunk Nova
Deutscher Bundestag
BMWSB