Einfach Geld bekommen, ohne etwas dafür zu tun? Klingt erstmal wie ein schlechter Scherz oder wie ein verdächtig großzügiger Onkel aus Nigeria, der per Mail um Hilfe bittet. Doch hinter der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) steckt weit mehr als eine naive Wunschvorstellung. Es ist ein gesellschaftliches Konzept mit revolutionärem Potenzial – nicht, um Faulheit zu belohnen, sondern um Menschen Vertrauen, Sicherheit und Freiheit zu schenken. Klingt pathetisch? Vielleicht. Aber die Studien sprechen eine klare Sprache. Und die Praxis zeigt: Wer bekommt, gibt oft mehr zurück.
Was ist das BGE – und warum sollte uns das interessieren?
Das Konzept ist einfach – fast schon zu einfach für unsere komplexe Welt: Jeder Mensch erhält monatlich einen festen Betrag vom Staat. Ohne Bedingungen. Ohne Bedürftigkeitsprüfung. Ohne Verpflichtung, dafür zu arbeiten. Ein Einkommen, das gerade hoch genug ist, um davon leben zu können – etwa 1.000 € pro Monat. Für alle. Bedingungslos.
Befürworter nennen vier Hauptmerkmale: universell (jeder bekommt es), individuell (nicht an Haushalte gekoppelt), existenzsichernd (nicht symbolisch, sondern real nutzbar) und ohne Bedingungen (kein Antrag, keine Pflicht, kein Zwang). Das BGE ersetzt oder ergänzt klassische Sozialleistungen und soll nicht nur Armut verhindern, sondern auch gesellschaftliche Teilhabe garantieren. Kurz: Menschen sollen leben können – nicht überleben müssen.
Die Idee selbst ist nicht neu. Schon Thomas Morus, Thomas Paine oder Erich Fromm philosophierten über ein Grundeinkommen. Neu ist die Dringlichkeit, mit der das Thema diskutiert wird – angesichts Automatisierung, globaler Krisen und wachsender sozialer Spaltung. Das Grundeinkommen wird zur Antwort auf eine Frage, die viele Gesellschaften sich stellen müssen: Wie gelingt ein menschenwürdiges Leben in einer Welt, in der Arbeit allein nicht mehr alles regeln kann?
Gesellschaftlicher Sprengstoff – oder soziale Stabilisierung?
Die häufigste Reaktion auf das Grundeinkommen lautet: „Dann arbeitet ja keiner mehr!“ – Eine Sorge, die sich in der Realität hartnäckig hält. Und doch: Sie ist unbegründet. Hier habe ich bereits über dieses Thema geschrieben: Bürgergeld macht reich. Arbeit macht müde. Stimmt doch, oder?
Diverse Studien und Pilotprojekte – von Finnland über Kalifornien bis Deutschland – zeigen, dass ein Grundeinkommen nicht zum Rückzug aus dem Arbeitsleben führt. Im Gegenteil: Menschen fühlen sich sicherer, motivierter, neugieriger. In einem deutschen Langzeitprojekt mit 122 Teilnehmern war kein Rückgang der Erwerbsbeteiligung feststellbar. Stattdessen: Mehr Weiterbildung, mehr Sinnsuche, mehr berufliche Neuausrichtung. Wer keine Angst mehr hat, seine Miete nicht zahlen zu können, hat plötzlich die Kraft, neue Wege zu gehen.
In den USA, wo im kalifornischen Stockton ein Grundeinkommen von 500 $ pro Monat getestet wurde, stieg die Vollzeitbeschäftigung in der BGE-Gruppe von 28 % auf 40 %. Der Unterschied zur Kontrollgruppe war signifikant – und überraschend: Wer finanziell abgesichert ist, riskiert eher etwas. Der Mut, sich zu bewerben, umzuschulen oder schlicht zum Vorstellungsgespräch zu fahren, ist keine Selbstverständlichkeit, wenn jeder Cent zählt.
Geld ohne Bedingungen – und doch mit Wirkung
Ein weiteres Missverständnis lautet: Wer Geld einfach so bekommt, gibt es für Unsinn aus. Auch das ist – mit Verlaub – Quatsch. In allen untersuchten Projekten zeigt sich: Das Grundeinkommen wird verantwortlich verwendet.
Im Stockton-Experiment flossen über ein Drittel der Mittel in Lebensmittel, weitere 22 % in Haushaltsgüter. In Deutschland berichteten Gewinner des BGE-Projekts „Mein Grundeinkommen“, dass sie Schulden tilgten, Arzttermine wahrnahmen, sich weiterbildeten oder lang verschobene Reparaturen erledigten. Das mag wenig glamourös klingen – ist aber Ausdruck von gelebter Selbstverantwortung. Kein Luxus, sondern Normalität.
Und genau das ist der Punkt: Ein Grundeinkommen soll keine Sonderbehandlung sein, sondern ein verlässliches Fundament. Es geht nicht darum, Träume zu finanzieren, sondern Albträume zu verhindern.
Was passiert mit der Arbeit?
Der Arbeitsmarkt wird sich durch das BGE verändern – und das ist auch gut so. Wer nicht mehr aus Angst vor Hartz IV, Bürgergeld (oder wie auch immer die nächste Reform heißen mag) jeden Job annehmen muss, wird eher Tätigkeiten wählen, die zu ihm passen. Das fördert Zufriedenheit – und verhindert stille Resignation. Viele Jobs, die heute nur unter Zwang besetzt werden, müssten attraktiver gestaltet werden – sei es durch bessere Bezahlung, bessere Arbeitsbedingungen oder schlicht mehr Sinn.
Zugleich würde unbezahlte Arbeit aufgewertet: Pflege, Erziehung, Ehrenamt. Heute alles Tätigkeiten, die wirtschaftlich wenig zählen, gesellschaftlich aber unersetzlich sind. Ein Grundeinkommen wäre eine stille Anerkennung – kein Lohn, aber eine Erleichterung.
Gesundheit, Wohlbefinden, Würde
Geld macht nicht glücklich, sagt man. Aber Armut macht krank – das ist unbestritten. Ein BGE reduziert Stress, stärkt das Selbstwertgefühl und verbessert die psychische Gesundheit. Studien aus Finnland, Deutschland und Kanada zeigen: Wer abgesichert ist, schläft besser, hat weniger Ängste, lebt sozialer.
Im deutschen Pilotprojekt mit 122 Teilnehmenden sank die Anzahl an psychosomatischen Beschwerden. Die Menschen waren seltener erschöpft, fühlten sich leistungsfähiger, verbrachten mehr Zeit mit Familie und Freunden. Ein kleiner Betrag – eine große Wirkung. Auch präventiv: Wer nicht auf jeden Euro achten muss, geht eher zum Arzt, investiert in Ernährung, Bewegung und mentale Gesundheit.
Die Initiative „Mein Grundeinkommen“ – gelebte Praxis in kleinem Maßstab
2014 gründete der Berliner Michael Bohmeyer die Initiative „Mein Grundeinkommen“. Die Idee: Per Crowdfunding Geld sammeln, mit dem dann einjähriges Grundeinkommen an ausgeloste Personen vergeben wird. Jeder kann sich anmelden, jeder kann gewinnen – und niemand muss sich rechtfertigen, wofür das Geld verwendet wird.
Über 1.900 Grundeinkommen wurden bislang vergeben, über 20 Millionen Euro gesammelt – nicht aus Steuergeldern, sondern aus freiwilligen Spenden. Der durchschnittliche Beitrag liegt bei 4,50 € pro Monat – ein Beweis, dass viele Menschen bereit sind, anderen Vertrauen zu schenken.
Die Wirkungen sind beeindruckend: Mehr Selbstvertrauen, mehr Weiterbildungen, mehr soziales Engagement. Über 80 % der Gewinner gaben an, weniger Existenzängste zu haben. 60 % fühlten sich entspannter, 40 % trauten sich, „Nein“ zu sagen, wenn etwas nicht mehr passte. Und rund 81 % waren motivierter, neue Dinge auszuprobieren.
Dabei blieben die allermeisten berufstätig – viele sogar engagierter als vorher. Kein Wunder: Wer aus Freiheit handelt, arbeitet anders als jemand, der muss.
Internationale Erfahrungen
Finnland testete 2017–2018 als erstes europäisches Land ein staatlich organisiertes BGE. 2.000 Arbeitslose erhielten 560 € pro Monat – und zeigten: Die psychische Gesundheit verbesserte sich, das Wohlbefinden stieg. Die Arbeitsmotivation litt nicht – und das trotz niedriger Beträge.
In Kenia läuft derzeit das größte BGE-Experiment der Welt. Über 20.000 Menschen in ländlichen Regionen erhalten monatlich 22 US-Dollar. Trotz des geringen Betrags zeigen sich große Wirkungen: bessere Ernährung, höhere Schulbeteiligung, mehr lokale Investitionen.
In den USA haben sich zahlreiche Städte dem Netzwerk „Mayors for a Guaranteed Income“ angeschlossen. In New York, Los Angeles oder Chicago werden gezielte Grundeinkommen getestet – oft für benachteiligte Gruppen. Auch hier: Kaum Rückzug aus Arbeit, aber mehr Stabilität, weniger Armut, mehr Perspektiven.
Ist das finanzierbar?
Natürlich. Aber es hängt davon ab, wie man rechnet – und was man für gerecht hält. Eine Simulationsstudie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigte: Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist finanzierbar – bei gleichzeitiger Abschaffung oder Umwandlung bestehender Sozialleistungen und einer moderaten Steueranpassung.
Demnach würden 83 % der Bevölkerung netto profitieren. Lediglich die einkommensstärksten 10 % müssten mehr abgeben. Die Kaufkraft der breiten Mitte würde steigen – mit positiven Folgen für Konsum, Wirtschaft und soziale Stabilität. Weniger Bürokratie, weniger Kontrolle, weniger Stigmatisierung – dafür mehr Freiheit, mehr Vertrauen, mehr Effizienz.
Kritik ernst nehmen – aber nicht größer machen, als sie ist
Natürlich gibt es kritische Fragen: Wer zahlt das? Wird das nicht ausgenutzt? Was ist mit Inflation?
Antworten darauf gibt es – und sie sind durchdacht. Die Finanzierung kann durch Steuerreformen und Umverteilung gelingen. Missbrauch ist ohnehin kaum möglich – das BGE bekommt jeder, es muss nichts nachgewiesen werden. Und Inflation? Die bisherigen Modelle zeigen: Ein moderates Grundeinkommen führt nicht zu Preisexplosionen. Wer konsumiert, tut das heute schon – nur eben mit Unsicherheit.
Wichtiger ist, dass das BGE nicht als Allheilmittel verkauft wird. Es ist kein Zaubertrank. Aber es ist ein Werkzeug. Und was wir daraus machen, liegt an uns.
Warum wir die Debatte brauchen – jetzt mehr denn je
In einer Welt, in der Arbeit nicht mehr gleich Einkommen ist, in der Maschinen ganze Branchen umkrempeln und Krisen den Alltag erschüttern, brauchen wir neue Sicherheiten. Nicht im Sinne von Kontrolle – sondern von Vertrauen.
Ein Grundeinkommen ist keine linke Spinnerei und keine rechte Falle. Es ist ein Gedanke, der Menschen zutraut, mit Freiheit umzugehen. Wer ein BGE nur als Sozialleistung sieht, denkt zu klein. Es ist ein Ausdruck von Menschenbild und Zukunftsvision.
Das Ding is:
Das bedingungslose Grundeinkommen ist mehr als ein Geldtransfer. Es ist eine Einladung – an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – Vertrauen zu wagen. In einer Zeit, in der Misstrauen, Kontrolle und Angst das Klima vergiften, wäre ein BGE ein Gegenvorschlag mit Strahlkraft. Es nimmt niemandem etwas weg, sondern gibt allen etwas dazu: Würde, Sicherheit, Freiheit. Die empirischen Ergebnisse sind da, die Erfahrungen liegen auf dem Tisch – jetzt fehlt nur noch der Mut.
Vielleicht wird ein flächendeckendes BGE nicht morgen Realität. Aber wenn wir heute damit anfangen, uns ehrlich mit der Idee zu beschäftigen, haben wir morgen eine gerechtere Debatte – und übermorgen vielleicht eine gerechtere Gesellschaft.
Herzlichst, Mike