Europa ohne USA – klappt das? Eine These über Stärke, Vernunft und Augenhöhe
Ich sag’s gleich am Anfang: Das hier ist eine These. Keine Prophezeiung, kein Wunschtraum, kein Anti-Amerika-Rant. Einfach eine Überlegung, die man mal laut denken darf: Europa kann Sicherheit und Wohlstand auch ohne die USA schaffen – wenn es Russland nicht mehr als Feind, sondern als Teil einer kontrollierten Sicherheitsordnung betrachtet.
Das ist nicht romantisch, sondern realistisch. Es geht nicht darum, Freundschaften zu kündigen oder alte Feindbilder zu tauschen. Es geht darum, dass Europa endlich erwachsen wird – politisch, wirtschaftlich und sicherheitstechnisch.
Ich will also mal durchspielen, wie das aussehen könnte, wenn Europa selbst Verantwortung übernimmt. Ganz ohne die amerikanische Stützrad-Politik.
1. Die Grundidee: Sicherheit funktioniert nur mit Reden, nicht mit Dauerfeuer
Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Dieser Krieg zwischen Russland und Ukraine muss aufhören.
Und zwar nicht irgendwann, sondern bald. Russland lügt, die Ukraine lügt – das ist kein Geheimnis. In Kriegen wird immer gelogen. Jede Seite verkauft sich als Opfer und erklärt, warum der andere anfing. Das ändert aber nichts daran, dass irgendwann mal wieder Frieden gemacht werden muss.
Ein echter Neuanfang in Europa kann nur gelingen, wenn beide Seiten endlich anfangen, miteinander zu reden. Nicht, weil sie sich mögen, sondern weil sie sonst beide verlieren.
Ich kann mir vorstellen, dass es so laufen könnte:
- Erster Schritt: Ein Waffenstillstand. Kein endloses Gezerre, sondern ein klarer Stopp der Angriffe – überwacht, kontrolliert, notfalls mit Satelliten und internationalen Beobachtern.
- Zweiter Schritt: Direkte Gespräche auf Augenhöhe. Nicht über Dritte, nicht über Medien, sondern am Tisch.
- Dritter Schritt: Wenn das hält, kann man Sanktionen Stück für Stück zurückfahren. Aber immer gekoppelt an klare Bedingungen.
Das ist kein Einknicken. Das ist Erwachsenendenken.
Ein Frieden hält nur dann, wenn keiner das Gefühl hat, er sei gerade öffentlich kastriert worden. Russland muss wissen, dass es Grenzen gibt – aber auch, dass man sie nicht ewig an der Wand stehen lässt. Und die Ukraine muss wissen, dass sie ein souveräner Staat bleibt, aber kein ewiger Schlachtplatz.
2. Ohne die USA? Ja – wenn Europa endlich zusammenrückt
Viele glauben, ohne die USA würde Europa militärisch sofort in sich zusammenfallen.
Das stimmt so nicht. Es stimmt nur, wenn Europa weiterhin so zersplittert bleibt wie jetzt.
Ich kann mir ein europäisches Sicherheitsbündnis vorstellen – ähnlich wie die NATO, aber ohne Washington als Oberkommando. Ein Bündnis, das von Lissabon bis Helsinki reicht. Mit denselben Grundprinzipien:
- Ein Angriff auf einen, ist ein Angriff auf alle.
- Keine willkürlichen Kriege.
- Klare Verteidigungsstrukturen, gemeinsame Übungen, gemeinsame Standards.
Europa hat längst alles, was es braucht – nur eben nicht koordiniert:
Deutschland hat Technik, Frankreich hat Erfahrung, Polen hat Entschlossenheit, Skandinavien hat Cyberkompetenz. Fehlt nur ein gemeinsamer Rahmen.
Ich rede hier nicht von einer utopischen „EU-Armee“. Ich rede von einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft, in der Ressourcen, Ausbildung und Produktion zusammenlaufen.
Das würde heißen:
- Luft- und Raketenabwehr gemeinsam aufbauen.
- Munition und Drohnen in Europa herstellen, nicht in Übersee kaufen.
- Cyberabwehr und Kommunikation unabhängig von den USA gestalten.
Und ja, auch das heiße Thema gehört dazu: Atomare Abschreckung.
Solange es Atomwaffen gibt, bleibt diese Frage real. Frankreich und Großbritannien haben welche – also sollte es einen europäischen Dialog darüber geben, wie man damit verantwortungsvoll umgeht. Nicht um neue Bomben zu bauen, sondern um klarzumachen: Europa ist wehrhaft, aber nicht aggressiv.
3. Sicherheit ist nicht gleich Aufrüstung
Sicherheit heißt nicht, Panzer zählen.
Sicherheit heißt, dass keiner auf die Idee kommt, Panzer zu brauchen.
Deshalb gehört zur neuen europäischen Sicherheitsordnung auch ein Teil, den viele vergessen: Rüstungskontrolle und Transparenz.
Wenn Russland und Europa sich gegenseitig wieder über Manöver, Flugbewegungen oder Grenzstationen informieren, sinkt das Risiko von Missverständnissen – und damit von Eskalation.
So etwas gab es schon mal: die OSZE, das „Helsinki-Abkommen“, Beobachtermissionen, Meldepflichten.
Das muss neu gedacht werden – moderner, digital, verbindlicher. Mit Drohnen-Überwachung, Sensorik, Online-Transparenz, klaren Reaktionsmechanismen.
Kurz: Mit Vertrauen, das man messen kann.
4. Wirtschaftlich stark bleiben – aber unabhängig
Sicherheit gibt es nicht ohne wirtschaftliche Stärke.
Europa kann sich militärisch noch so gut aufstellen – wenn die Energiepreise explodieren oder Fabriken abwandern, bringt das alles nichts.
Deshalb gehört zur These auch: Wohlstand muss innen stabil sein, bevor man außen stark wirken kann.
Ich kann mir vorstellen, dass Europa sich so aufstellt:
- Energie autark, aber nicht isoliert. Europa bleibt unabhängig, was Gas, Strom, Wasserstoff oder Atom betrifft – aber hält sich offen, später wieder kontrollierte Energie-Kooperationen mit Russland zuzulassen. Wenn Frieden herrscht, warum nicht Gas gegen Investitionen?
- Industrie modernisieren. Lieferketten verkürzen, Bürokratie abbauen, Schlüsselindustrien (Energie, Chips, Kommunikation) in Europa halten.
- Kapital freischalten. Europa hat Unmengen Ersparnisse, die aber in amerikanische Fonds oder asiatische Aktien fließen. Eine gemeinsame Kapitalmarkt-Union wäre überfällig, damit das Geld dahin geht, wo Innovation entsteht – nämlich hier.
So würde Wohlstand entstehen, der nicht von Gnade oder Laune anderer abhängt.
Das ist die Basis, auf der man reden kann – auch mit Russland.
5. Russland einbinden, ohne naiv zu werden
Viele sagen: Mit Russland kann man nicht reden.
Ich sag: Mit Russland kann man nur reden – oder gar nichts mehr.
Ein Land dieser Größe, mit diesen Ressourcen und dieser militärischen Präsenz wird nicht einfach verschwinden. Die Frage ist also nicht, ob man mit Russland redet, sondern wann und unter welchen Bedingungen.
Ich halte folgende Reihenfolge für sinnvoll:
- Waffenstillstand, überprüft.
- Hotlines, gemeinsame Sicherheitsregeln, Meldepflichten.
- Schrittweise Öffnung wirtschaftlicher Korridore. Erst Energie, dann Logistik, dann Industrie. Immer überwacht, immer rückbaubar.
- Wissenschaft und Klima-Kooperation. Arktisforschung, Katastrophenschutz, Raumfahrt, Cyberstabilität – neutrale Felder, auf denen Vertrauen wachsen kann.
Das Ziel ist keine Allianz. Das Ziel ist Koexistenz, berechenbar, testbar, reparierbar.
Europa muss Russland nicht lieben – aber es muss mit Russland leben. Das gilt übrigens für die ganze Welt.
6. Was das konkret heißen würde
Ich könnte mir vorstellen, dass Europa in ein paar Jahren einen jährlichen Sicherheitsplan verabschiedet:
Wie viel Munition fehlt, wo stehen Abwehrsysteme, welche Reserven sind nötig, welche Satellitenbilder braucht man.
Dazu eine gemeinsame Beschaffungspolitik: Ein Panzer, viele Länder – statt zehn Panzer, zehn Länder, zehn Versionen.
In der Energiepolitik würde das heißen:
- Mindestfüllstände in Gasspeichern bleiben Pflicht.
- Stromnetze werden endlich grenzübergreifend geplant.
- Investitionen in erneuerbare Energien und Speichertechnologie werden europäisch koordiniert.
Und parallel:
Ein neues „Helsinki+“-Abkommen. Moderne Vertrauensbildung, klare Regeln für Manöver, Transparenz über Truppenbewegungen, gegenseitige Kontrolle.
Wenn Russland die Spielregeln akzeptiert – Zugang zu bestimmten Wirtschaftszweigen.
Wenn nicht – sofortiger Stopp. Keine Gefühlsduselei, nur klare Mechanik.
7. Wirtschaftlich wäre das sogar ein Gewinn
Klingt verrückt, aber es stimmt: Europa könnte an dieser Eigenständigkeit wirtschaftlich wachsen.
Warum?
Weil die Milliarden, die heute in US-Rüstung, Energieimporte oder Fremdwährungen fließen, im eigenen Wirtschaftskreislauf bleiben würden.
Weil eine gemeinsame Industriepolitik Jobs schafft.
Weil Stabilität im Energiesektor Investitionen anzieht.
Und weil planbare Außenpolitik Kapital billiger macht – weniger Risikoaufschlag, mehr Vertrauen.
Kurz: Weniger Chaos, mehr Plan. Das wäre der größte Wohlstandsbooster, den Europa seit Jahrzehnten erlebt hätte.
8. Kein Anti-Amerika, kein Pro-Russland – einfach pro-Europa
Die These heißt nicht, dass man die USA loswerden muss.
Sie heißt: Europa darf nicht abhängig bleiben.
Die Amerikaner haben ihre eigenen Interessen – und die sind nicht immer dieselben wie unsere.
Wer Europa stark und sicher will, muss lernen, eigenständig zu denken. Und das schließt ein, mit Russland wieder politisch zu verhandeln, statt nur moralisch zu verurteilen.
Souveränität bedeutet nicht Isolation. Sie bedeutet: selbst entscheiden können, wann man mit wem redet.
Das Ding is
Sicherheit und Wohlstand in Europa werden nur dann langfristig bestehen, wenn wir aufhören, in Schwarz-Weiß zu denken.
Nicht jeder, der für Frieden mit Russland ist, ist „Putinfreund“.
Nicht jeder, der aufrüsten will, ist Kriegstreiber.
Die Wahrheit liegt dazwischen: In der Vernunft, Kontrolle, Kooperation – und im Willen, sich selbst zu schützen.
Europa braucht beides: Rückgrat und Dialog.
Die USA werden nicht ewig der große Bruder bleiben.
Wenn wir das akzeptieren und daraus Stärke machen, ist das keine Schwäche, sondern die vielleicht erwachsenste Entscheidung, die dieser Kontinent seit langem trifft.
Herzlichst, Mike
Diskutiere mit:
Wie siehst du das? Ist Europa bereit, ohne USA auf eigenen Füßen zu stehen – oder brauchen wir immer noch den großen Bruder im Westen?
Quellen (Auswahl, für zentrale Fakten und Programme)
- Europäische Luft-/Raketenabwehr und ESSI (Überblick zu Ziel und Teilnehmern). Wikipedia
- EU Rapid Deployment Capacity (bis 5.000 Kräfte, Ziel „operational 2025“). Europäische Außenpolitik
- Sichere Satelliten-Konnektivität IRIS² (Zeitplan, Zweck). Verteidigungsindustrie und Raumfahrt
- Energie-Resilienz: REPowerEU, Gasreduktion ~17 % (Aug 2022–Jan 2025), Speicherziele. REPowerEU – 3 years on
- Zeitleiste – Förderung der europäischen Verteidigungsausgaben Rat der Europäischen Union
- Aktuelle EU-Vorschläge zum Bürokratieabbau in der Verteidigungsindustrie. Reuters
- Kapitalmarkt-Union (Zeitstrahl, aktuelle Debatten zu ESMA-Kompetenzen, Insolvenzharmonisierung; Draghi-Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit). European Commission
- OSZE/Helsinki-Ordnung, Vertrauensbildung (Helsinki Final Act, Vienna Document, Hotlines/IPRM-Beispiel). OSZE
- Europäischer Nuklear-Dialog (FR/UK-Koordination; Macrons Vorstöße; Debatte zur europäischen Rückversicherung). AP News