Ein Symbol sucht den Notausgang
Es war einmal ein Regenbogen. Der war bunt, fröhlich, kämpferisch. Er wehte in der schwülen Schwulenszene der 70er, an CSD-Trucks, in Studentenzimmern neben der Che-Guevara-Fahne und war so etwas wie das Abzeichen für: Ich bin nicht wie ihr – aber ich will genauso behandelt werden. Und alle so: Awww, cute.
Die ursprüngliche Regenbogenflagge wurde übrigens 1978 von Gilbert Baker entworfen – und hatte damals noch acht Farben mit ganz konkreter Bedeutung.
Heute ist derselbe Regenbogen so überladen, dass selbst die letzte Litfaßsäule in Wanne-Eickel schon „Jetzt reicht’s“ raunt. Er flattert an Rathäusern, Supermarkt-Kassen, in Netflix-Intros und als Fußmatte im Hauseingang von Menschen, die seit 20 Jahren ihre Nachbarin Petra hassen, aber ganz vorne dabei sind, wenn es heißt: „Wir zeigen Haltung! Mit Deko!“
Doch wer genau zeigt da eigentlich was – und vor allem: für wen?
Von der Pride zur Peinlichkeit
Es war nie ein Problem, dass Menschen für queere Rechte einstehen. Das Problem ist: Wer heute besonders laut „Allies“ schreit, hat oft weder mit Diskriminierung noch mit der Community je ernsthaft etwas zu tun gehabt – außer dem diffusen Gefühl, irgendwie links, irgendwie tolerant und ganz, ganz wichtig zu sein.
Diese Menschen – nennen wir sie liebevoll „Regenbogen-Touristen“ – sind häufig selbst so hetero wie eine Tupperparty mit Quiche, aber moralisch queer wie ein pinkes Lama auf Rollschuhen. Sie führen keine Kämpfe – sie spielen sie nach. Auf Social Media. Mit Hashtags. Und Regenbogen-Avataren. Im Pride-Monat. Danach geht’s wieder ums Yoga-Retreat auf Bali.
Sie tragen Buttons mit „Love is Love“, aber im Büro vermeiden sie konsequent jeden Blickkontakt mit dem nicht-binären Kollegen, weil sie nicht wissen, welches Pronomen sie benutzen sollen. Sie sind gegen jede Form der Diskriminierung – außer beim nächsten Bewerbungsgespräch, wenn ein schwuler Mann zu feminin wirkt oder eine Transfrau „irgendwie komisch“ rüberkommt.
Wohlstandsverwahrloste auf Sinnsuche
Früher: Die queere Community kämpfte um Akzeptanz, medizinische Versorgung, gegen Polizeigewalt.
Heute: Lisa aus der Altbauwohnung mit Master in Nachhaltigkeitsphilosophie regt sich auf, weil der örtliche Bäcker keinen Regenbogenkuchen anbietet. Und Jan, 28, Hetero, Pansexueller aus Solidarität, schreibt wütende Mails an Firmen, deren Pride-Logo nicht bunt genug war.
Wenn man sonst nichts zu kämpfen hat – kämpft man eben für andere. Ob die das wollen oder nicht.
„Ich setze mich für queere Menschen ein!“
– „Cool. Bist du queer?“
– „Nee, aber ich find’s wichtig.“
– „Warum?“
– „Na, also… für die Welt.“
– „Aha. Und was genau tust du?“
– „Ich hab mein Fahrrad mit Transflagge beklebt und meine Katze heißt jetzt ‚LGBTina‘.“
Dankeschön. Welt gerettet.
Wenn Heteros die Queeren überholen
Inzwischen gibt es Pride-Paraden, bei denen der Hetero-Anteil auf den Trucks höher ist als der Promillewert in der Zuschauerreihe. Und die queersten Menschen dort sind oft die, die keine Regenbogenflagge tragen – sondern einfach nur leben wollen, ohne dass ihnen dauernd jemand auf die Schulter klopft und sagt: „Ich find dich voll mutig!“
Ich kenne Homosexuelle, die sich schämen, mitzulaufen. Nicht wegen ihrer Sexualität – sondern wegen des kitschig-moralischen Kindergeburtstags, den andere aus ihrer Identität machen. Da tanzen dann biodeutsche Oberstudienräte auf High Heels zur Beyoncé-Playlist und fühlen sich „so verbunden mit der Community“, während die eigentliche Community sich fragt, ob es irgendwo eine ruhige Kneipe ohne Slogans gibt.
Und wehe, man sagt das laut. Dann ist man „internalisiert queerfeindlich“. Oder – schlimmer – man – ist – rechts.
Regenbogen als moralisches Hufeisen
Das Schöne am heutigen Diskurs ist: Wenn du nicht explizit für alles bist, was gerade angesagt ist, bist du automatisch gegen alles. Das nennt sich dann „Solidarität durch Erpressung“. Der Regenbogen ist kein Symbol mehr. Er ist eine Schablone. Entweder du passt rein – oder du bist verdächtig.
Du bist schwul und findest Gendern albern? – Raus.
Du bist lesbisch und findest Männer gar nicht so schlimm? – Verräterin.
Du bist trans, willst aber kein politisches Aushängeschild sein? – Entsolidarisiert!
Die Community wird nicht mehr verteidigt – sie wird verwaltet. Mit Regelkatalog, Sprachleitfaden und ganz viel moralischem Kapital, das allerdings überwiegend von Menschen verwaltet wird, die gar nicht Teil der Community sind, sondern sich nur dafür halten, weil sie beim IKEA-Kissenkauf „Queer Eye“ im Hintergrund laufen lassen.
Wenn Symbole anfangen zu nerven
Die Regenbogenflagge – einst Symbol der Hoffnung – ist heute für viele einfach nur noch Symbol für: „Jetzt kommt gleich jemand und belehrt mich.“ Kein Wunder, dass manche Schwule sie inzwischen freiwillig weglassen. Weil sie nicht mit dem Assoziationsfeuerwerk konfrontiert werden wollen, das aus ihnen ein wandelndes Statement machen will.
„Was sagen Sie zur Nonbinary Visibility Week?“
– „Ich wollte eigentlich nur einen Kaffee.“
Das permanente Moralisieren, das aus der Regenbogenflagge einen Knigge-Ersatz gemacht hat, führt nicht zu mehr Akzeptanz – sondern zu stiller Ablehnung. Nicht wegen der queeren Menschen. Sondern wegen des Marketing-Überbaus, der auf ihre Leben draufgeklatscht wird, als seien sie wandelnde Diversity-Gutscheine.
Apropos Diversity: Der Merch boomt
Von der Kaffeetasse über die Hundeleine bis zum Vibrator – alles gibt’s jetzt mit Regenbogen. Nichts schreit so sehr nach Kommerzialisierung wie der angeblich rebellische Pride. Unternehmen, die sonst Steuervermeidung perfektioniert haben, spenden im Juni 0,003 Cent pro Einkauf an irgendeine queere Organisation – und sind für den Rest des Jahres wieder bei Waffenexport und Kinderarbeit dabei. Aber hey – bunte Logos!
Und wehe, man kritisiert das. Dann heißt es: „Du gönnst queeren Menschen nicht ihre Sichtbarkeit.“ Doch. Ich gönne ihnen Sichtbarkeit. Aber ich gönne ihnen auch Würde. Und keine pinken Einhorn-Handtücher bei H&M.
Weniger Regenbogen, mehr Realität
Es wäre zu einfach, jetzt zu sagen: „Alles ist Mist.“ Ist es nicht. Sichtbarkeit hilft. Und ja, Pride bleibt wichtig – in vielen Teilen der Welt ist die bloße Existenz queerer Menschen noch immer lebensgefährlich.
Aber genau deshalb ist es so bitter, dass der Regenbogen im Westen inzwischen als kosmetisches Wohlfühlpflaster missbraucht wird. Eine Art moralische Tapete über den Rissen der Gesellschaft.
Die wahren Kämpfer sind oft unsichtbar. Sie kämpfen nicht auf Instagram, sondern mit Behörden, Ärzten, Arbeitgebern, Familien. Für ein Leben, das normal ist – nicht für eins, das ständig gefeiert, diskutiert oder kommentiert wird.
Von Stolz zur Scham – Wenn Nacktheit zum Selbstzweck wird
Es geht mir nicht um Prüderie. Wirklich nicht. Aber wenn beim nächsten CSD wieder jemand splitternackt mit einem halbsteifen Schwanz und Hundemaske durch die Innenstadt tänzelt, während fünf Meter daneben Kinder mit Regenbogenballons stehen, darf man mal fragen: Was genau wollt ihr uns eigentlich zeigen?
Liebe? Freiheit? Oder einfach nur: Guckt mal, ich hab ein Penis und keine Grenzen?
Denn zwischen berechtigtem Stolz und exhibitionistischem Trash-TV auf offener Straße verläuft eine Grenze – die derzeit offenbar systematisch ignoriert wird. Nicht von der Community, sondern von denen, die aus jedem Akt einen Akt machen. Und sich dann wundern, wenn ihnen irgendwann auch wohlmeinende Menschen entnervt den Rücken zudrehen.
Was genau fördert dieses Verhalten? Vielleicht ein Aktivismus, der längst zur narzisstischen Bühne geworden ist. Vielleicht eine Szene, in der Provokation zur Währung wurde. Oder einfach nur die schlichte Tatsache, dass es keine Regeln mehr gibt – außer: Alles ist erlaubt, solange es bunt genug ist.
Das Ding is:
Wenn aus einem Symbol ein Fetisch wird, verliert es seine Kraft. Die Regenbogenflagge wurde von Menschen mit echtem Mut und echten Erfahrungen geschaffen – nicht für Haltungsakrobatik und ideologischen Kitsch.
Dass heute mehr Menschen queere Lebensentwürfe akzeptieren, ist ein Fortschritt. Aber er wurde nicht von denen erreicht, die mit Gendersternen werfen oder sich auf Pride-Paraden wichtiger nehmen als die Menschen, für die diese Paraden einmal gedacht waren.
Wer wirklich solidarisch sein will, hört auf zu performen – und fängt an zuzuhören. Und wer queer ist, darf auch einfach Mensch sein. Ohne Etikett. Ohne Dauerlächeln. Ohne Pflicht zur Repräsentation.
Lasst den Regenbogen wieder das sein, was er war: ein Signal. Kein Produkt. Kein Befehl. Kein Reizwort. Sondern ein Symbol der Freiheit, das sich nicht für Marketing oder Moralinstrumentalisierung missbrauchen lässt.
Herzlichst, Mike
Diskutier mit – gerne mit allen Farben des Spektrums. Aber bitte mit Argumenten, nicht mit Avataren.
Wer übrigens nicht mehr weiß, was die Farben der Flagge mal bedeuteten (Spoiler: nicht TikTok), findet hier eine gute Übersicht:
Der Text trifft’s voll. Viele Menschen brauchen halt immer einen Grund, um sich als „gute Menschen“ zu fühlen – besonders die, die im eigenen Garten eigentlich nur Unkraut horten. Mal ist es die Regenbogenflagge am Fenster, mal ein „Oma gegen Rechts“-Aufkleber, mal ein Fahrrad voller Fuck-AfD-Sticker. Meist geht’s weniger um echte Solidarität als darum, moralisch glänzen zu können, ohne wirklich was zu tun.
Psychologisch ist das fast schon logisch: Wer wenig Kontrolle über sein eigenes Leben hat, stabilisiert sein Selbstwertgefühl über Symbole und öffentliche Haltung. Hauptsache, man fühlt sich gut dabei. Und genau deshalb denken heute viele automatisch, linke Politik sei die „richtige“, die Gutmenschenpolitik. Enteignung, Gewaltfantasien gegen die „Bösen“ – alles okay, solange das moralische Selbstbild glänzt. Wer hätte gedacht, dass Gutsein so „ungefährlich“ sein kann, solange man die richtigen Aufkleber klebt?
Das Lustige: Die meisten Schwulen und Lesben wollen von diesem ganzen Regenbogentrend überhaupt nichts wissen. Sie sind genervt, dass man sie ständig ins Rampenlicht zerrt und aus ihrer Identität eine bunte Moralbühne macht.
Danke dir für diesen durchdachten Kommentar – genau das ist der Punkt, den ich mit dem Artikel treffen wollte. Es geht nicht um Ablehnung von Vielfalt, sondern um die Frage, wer sie eigentlich gerade vereinnahmt – und wozu.
Dass viele queere Menschen selbst zunehmend genervt sind von dieser moralisch überhöhten Dauersichtbarkeit, höre ich auch oft.
Wenn Identität zur Bühne wird, geht es irgendwann nicht mehr um Menschen, sondern um Narrative. Und wer dann noch differenzieren will, wird schnell aus dem Chor verbannt.
Deshalb: Danke, dass du das so klar benennst.