Neulich hab ich mal wieder auf Facebook gelesen, wie „hässlich“ Pforzheim angeblich ist. Da schreiben Leute ernsthaft, man könne hier nicht mehr leben, alles sei trist, kaputt, grau, voller Dönerbuden oder Friseure. Ganz ehrlich – irgendwann liest man das so oft, dass man sich fragt, ob die Leute überhaupt in derselben Stadt wohnen wie ich.
Dieser Artikel hier ist meine Antwort darauf. Den einen wird er gefallen. Den anderen wird er triggern. Und das ist völlig in Ordnung. Denn Pforzheim ist nicht glatt. Pforzheim ist echt. Und genau das macht’s für mich aus.
Zwischen Großstadt und Kaffeemühle
Das Schöne an Pforzheim ist: Es ist grün. Und zwar richtig. Trotz allem Gerede über Beton und Blöcke – wenn man hier lebt, merkt man schnell, wie viel Natur direkt vor der Haustür liegt.
Und trotzdem ist’s eine Großstadt. Nicht riesig, nicht laut, sondern so, dass man theoretisch fast überall zu Fuß hinkommt. Ich find das super. Ich brauch keinen Großstadtstress, um mich lebendig zu fühlen. In Pforzheim reicht ein Spaziergang von der Nordstadt bis runter an die Enz, und du hast schon alles gesehen: Alt, neu, schön, hässlich, aber immer echt.
Mein Platz zwischen Kaffee und Kant
Ich sitze gern im Café Buch & Bohne – früher hieß es Kaffeefleck. Das ist im Obergeschoss vom Thalia. Wer mich kennt, weiß: Kaffee ist für mich essenziell. Wie man ja auch am Namen meines Blogs erkennt.
Ich sitze da oben an der großen Glasfront, natürlich mit Kaffee, und schaue runter auf die Fußgängerzone. Da sieht man das Leben, wie es läuft – wortwörtlich. Menschen, die einkaufen, diskutieren, lachen, sich streiten, sich wieder vertragen. Ich mag das. Dieses kleine Chaos. Dieses unperfekte Menschliche.
In genau diesem Café sind schon viele meiner Artikel entstanden. Vielleicht auch deshalb, weil Pforzheim für mich ein Ort ist, an dem Beobachten noch Spaß macht. Du musst nur hinhocken, einen Cappuccino bestellen und die Stadt einfach atmen lassen.
Die Pforzheimer – ein Völkchen für sich
Die Menschen hier haben einen Grundsatz:
„Net g’bruddelt isch scho gnug g’lobt.“
Übersetzt: Wenn keiner meckert, ist das schon Lob genug.
Ich glaube, niemand liebt und hasst seine Stadt gleichzeitig so sehr wie die Pforzheimer. Hier wird gebruddelt, was das Zeug hält – und manchmal hab ich das Gefühl, manche würden sogar übers Wetter schimpfen, wenn’s zu schön ist.
Aber das Meckern an sich find ich gar nicht schlimm. Das gehört dazu. Was mich nervt, sind die, die nur meckern. Die in allem was Schlechtes sehen, aber selbst nie was beitragen, dass es besser wird. Die sich aufregen, statt anzupacken. Davon gibt’s leider zu viele.
Und trotzdem: Wenn’s drauf ankommt, halten die Pforzheimer zusammen. Das merkt man in Krisen, bei Festen oder wenn irgendwo Hilfe gebraucht wird. Dann sind plötzlich alle da – und das, finde ich, ist die wahre Seele dieser Stadt.
Die schönsten Ecken sind oft die unscheinbarsten
Wenn ich durch Pforzheim laufe, gibt’s so Momente, wo ich einfach stehenbleibe und denk: Ja man, genau deswegen liebe ich diese Stadt.
Zum Beispiel die Gegend zwischen dem Flößerviertel und dem Waisenhausplatz. Da, wo Nagold und Enz zusammenfließen, der große Kirchturm der Stadtkirche über allem thront – als würde er über Pforzheim wachen. Viele sagen ja, der sei hässlich. Ich seh das anders.
Er ist markant. Er ist Pforzheim.
Da unten gibt’s Cafés, kleine Bistros, und im Sommer ist die ganze Ecke abends voller Leben. Musik, Gelächter, Leute mit Eisbechern, Kinder, die an der Enz spielen. Diese Mischung aus Fluss, Stadt, Geschichte und Alltag – das ist Pforzheim, wie ich’s mag.
Was viele nicht wissen
Viele vergessen, dass Pforzheim am 23. Februar 1945 fast vollständig zerstört wurde. 95 Prozent der Stadt lagen in Schutt und Asche.
Aus diesen Trümmern entstand der Wallberg – oder wie wir sagen: der Monte Scherbelino. Ein Berg aus Schutt, ja, aber auch ein Symbol dafür, dass diese Stadt wieder aufgestanden ist. Wenn du da hochläufst, siehst du das ganze Tal, die ganze Stadt. Und du spürst: Hier steckt Geschichte drin. Schmerz, Wiederaufbau, Stolz.
Das neue Pforzheim wurde schnell hochgezogen. Die Leute hatten keine Zeit, sich um Schönheit zu kümmern. Es ging darum, zu überleben, zu wohnen, wieder anzufangen.
Und trotzdem – oder gerade deswegen – hat Pforzheim seinen eigenen Charakter. Nicht perfekt, nicht hübsch poliert. Aber echt.
Heute gehört die Stadt zu den grünsten in Baden-Württemberg, wenn nicht in ganz Deutschland. Zwischen Enz, Nagold, Würm, Wäldern und Parks kann man hier abschalten, ohne die Stadt zu verlassen. Und wenn du Lust auf ein Eis hast – das Rialtogibt’s immer noch. Seit Ewigkeiten. Und das sagt mehr über Pforzheim aus als jedes Architekturmagazin.
Zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Klar, Pforzheim hat Probleme. Jede Stadt hat sie.
Aber wenn ich diese ewige Schwarzmalerei lese, dieses „Pforzheim ist hässlich“, „da will keiner wohnen“, „alles nur Migranten“ – dann frag ich mich, was manche Leute eigentlich erwarten.
Ja, Pforzheim ist bunt. Und ja, es ist nicht jede Ecke schön. Aber die Mischung macht’s doch aus.
Ich hab in Spanien gelebt, in Berlin, mitten im Schwarzwald – dort, wo der Schwarzwälder Bollenhut erfunden wurde. Also da, wo die Menschen noch Hunde fressen… Spaß!, bevor jetzt wieder jemand durchdreht.
Aber ehrlich: Nur in Pforzheim hab ich dieses Gefühl, dass meine schönsten und schlimmsten Erinnerungen hier zusammenlaufen. Diese Stadt hat mich geprägt, auf die harte Tour. Und genau das verbindet mich mit ihr – stärker als mit jedem anderen Ort.
Wer’s nicht mag, muss ja nicht bleiben
Ich versteh jeden, der mit Pforzheim nichts anfangen kann.
Aber dann bitte nicht rummeckern, sondern einfach ehrlich sein: Nicht jede Stadt passt zu jedem.
Ich für meinen Teil hab gelernt, dass Pforzheim mehr Herz hat, als viele sehen. Vielleicht liegt’s daran, dass man hier ein dickes Fell braucht. Vielleicht auch daran, dass diese Stadt gelernt hat, sich selbst zu tragen, ohne sich dauernd zu feiern.
Pforzheim muss sich nicht verstellen. Und genau das mag ich.
Das Ding is
Pforzheim hat Licht und Schatten.
Es gibt Viertel, die strahlen, und Ecken, da bleibt man besser nicht zu lange stehen. Aber das ist überall so. Der Unterschied ist: Pforzheim tut nicht so, als wäre es was anderes.
Diese Stadt ist ehrlich, manchmal rau, manchmal wunderschön – und immer echt.
Wer hier lebt, weiß, dass Schönheit nicht immer im Glanz liegt, sondern oft im Alltag, zwischen Enz, Kaffee und einem ehrlichen „net g’bruddelt“.
Ich bin hier zu Hause. Nicht, weil’s perfekt ist. Sondern weil’s echt ist.
Herzlichst, Mike
Was denkst du über Pforzheim – ist’s wirklich so schlimm, oder sehen die Leute nur das, was sie sehen wollen?
Schreib’s mir in die Kommentare – ich bin gespannt, wie du’s erlebst.
Hallo Chris,
Deinen Post finde ich gut geschrieben und es freut mich, dass es noch jede Menge Menschen in PF gibt, die sich dort wohl fühlen und es als ‚ihre Stadt‘ verstehen, die sie lieben, hegen und pflegen.
Ich selbst bin auch einer von diesen Ur-Pforzheimern. Geboren dort in den frühen 50ern, dort zur Schule gegangen, Lehre gemacht und angefangen zu studieren. Dann bin ich gewissermaßen ‚in die Welt hinaus‘. Ich habe an vielen Orten gelebt und auch viel gesehen. Weltweit.
In meine Heimatstadt komme ich immer mal wieder gerne zurück …. bin aber meist froh, wenn ich wieder weg kann. Weshalb? Weil es mich irgendwie frustriert was aus der Stadt geworden ist. Bereits in den 60ern wussten wir, dass Pforzheim auf eine schwierige wirtschaftliche Situation zusteuert. Zuviel wirtschaftliche Monokultur. Was wurde dagegen getan? Nicht wirklich viel und nicht wirklich etwas konsequentes.
Du hast in Deinem Post das Thema der ‚Trümmerstadt‘ angesprochen und dass man nach dem Krieg eben schnell wieder auf die Füße kommen musste. In meiner Jugend habe ich noch viel davon mitbekommen. Aber seien wir mal ehrlich. Viel anders ging es anderen Städten im 2.WW auch nicht. Ich habe lange in Nürnberg gelebt. Dort waren auch 90% der Stadt platt. Aber schau Dir mal deren Altstadt an und schau Dir dagegen Pforze an. 60er/70er-Jahre Betonbarock würde ich meinen. Klar, man kann damit leben und man kann es auch schön empfinden. Es wäre sicherlich besser gegangen. Verhindert haben das damals zu viele persönliche Interessen und eine gewisse badisch-/schwäbische Holzkopfmentalität. Ich habe es miterlebt und kann mich noch recht gut daran erinnern.
Über das Stadtbild im Merz’schen Sinne möchte ich nicht viel Worte verlieren. Aber 60% sind auch im Bundesdurchschnitt eine beachtliche Größenordnung.
Aber egal. Inzwischen lebe ich schon lange im Ausland (wohl integriert wohlgemerkt) und freue mich natürlich darüber von Menschen zu hören und zu lesen, die sich in meiner Heimatstadt wohl fühlen. Ich wünsche mir, dass es noch mehr werden und dass sie sich trotz all der Schwierigkeiten im Ländle nicht unterkriegen lassen.
Habt eine gute Zeit und fühlt Euch wohl.
Hans
Hallo Hans,
ich glaube, du meintest in deinem Kommentar eigentlich mich und hast nur versehentlich Chris geschrieben – alles gut, das passiert schnell.
Ich fand deinen Beitrag wirklich spannend zu lesen, vor allem, weil du Pforzheim noch aus einer ganz anderen Zeit kennst. Deine Beschreibung, wie sich die Stadt nach dem Krieg entwickelt hat, trifft vieles sehr genau. Du hast recht – damals wurde vieles einfach schnell aufgebaut, ohne wirklich langfristig zu planen. Diese wirtschaftliche Einseitigkeit und der „Betonbarock“ aus den 60ern haben das Stadtbild bis heute geprägt.
Trotzdem seh ich das, was daraus entstanden ist, inzwischen mit etwas anderen Augen. Ich glaube, Pforzheim hat seine Brüche nie versteckt. Und ja, es wäre sicher schöner gegangen – aber vielleicht liegt gerade darin auch ein Stück Ehrlichkeit. Es ist eben keine Stadt, die sich verstellt oder künstlich aufhübscht.
Ich kann auch nachvollziehen, dass dich manches frustriert, wenn du wieder herkommst. Gerade, wenn man die Stadt noch aus Zeiten kennt, in denen sie ein anderes Gesicht hatte. Aber ich finde, es gibt auch eine neue Generation, die Pforzheim wieder positiv sieht, ohne die Probleme zu verdrängen. Genau das wollte ich mit meinem Artikel zeigen.
Danke für deine offenen Worte – sie geben dem Ganzen nochmal eine andere, wertvolle Perspektive.
Viele Grüße,
Mike
Als Ur-Pforzemer der mittlerweile aus dem Enzkreis auf seine Stadt schaut stimme ich Dir 100% zu.
Schöner Bericht.
Leider meckern oder besser bruddeln meist die „nicht“Pforzheimer mehr als die echten….
Licht und Schatten gibts überall…
Grüße aus Straubenhardt
Chris
Hey Chris, danke dir für deine Worte.
Ich seh das genauso – viele, die am lautesten bruddeln, kommen gar nicht von hier.
Aber wie du sagst: Licht und Schatten gibt’s überall, und genau das macht Pforzheim am Ende so echt.
Grüße rüber nach Straubenhardt.
Genau so empfinde ich Pforzheim auch. Bin in Pforzheim geboren, habe schöne Kindheit und tolle Jugendzeit dort erlebt. 50 Jahre lebe ich jetzt bei den Schwaben. Mit meiner Tochter war ich einmal auf einem Gartenfest bei Jugendfreunden in Pforzheim. Da fragte mich meine Tochter, ob ich nicht manchmal Heimweh hätte. Die Menschen hier seien so anders. ….so echt! ….
Die ewigen Meckerer, die alles schlecht reden, gibt es leider überall. Wer sucht der findet. Das Schöne und das Hässliche. Es tut gut, daß es doch noch Menschen gibt, die Beides suchen und finden. Danke für diese echten Gedanken über meine Heimatstadt und Grüsse aus dem Schwabenland.
Hey, das freut mich wirklich total zu lesen!
Ich hoffe, es ist okay, wenn ich dich duze – hier ist das ganz normal, das machen wir eigentlich immer so.
Ja, Pforzheim hat beides: Ecken, wo man denkt „oje“, und Momente, wo man merkt, wie viel Herz in dieser Stadt steckt.
Und du hast absolut recht – die echten Menschen hier machen den Unterschied.
Ich find’s richtig schön, dass du trotz all der Jahre im Schwabenland noch so verbunden bist mit Pforzheim.
Danke dir für die lieben Worte und Grüße zurück aus der Goldstadt!
Als Ur-Pforzemer der mittlerweile aus dem Enzkreis auf seine Stadt schaut stimme ich Dir 100% zu.
Schöner Bericht.
Leider meckern oder besser bruddeln meist die „nicht“Pforzheimer mehr als die echten….
Licht und Schatten gibts überall…
Grüße aus Straubenhardt
Chris