Angst und Krankheit gelten im Alltag als Störfälle. Man will sie weg haben, am besten leise, am besten schnell. Das Zitat von Edvard Munch dreht diese Sicht um: Nicht trotz Angst und Krankheit, sondern wegen ihnen sei etwas möglich geworden. Das ist kein romantisches Leiden-Pathos, sondern eine unbequeme Beobachtung über menschliche Entwicklung.
Angst ist erst mal ein Alarmsystem. Sie engt ein, macht klein, treibt in Schleifen. Aber sie hat auch eine merkwürdige Nebenwirkung: Sie zwingt zur Wahrnehmung. Wer Angst hat, merkt plötzlich, was wichtig ist. Was wackelt. Was man bisher übertüncht hat. In der Angst wird vieles, was sonst im Lärm untergeht, scharfgestellt. Man kann daran zerbrechen. Oder man kann anfangen, präziser zu werden: im Denken, im Fühlen, im Handeln. Angst nimmt dir die Illusion, dass du alles unter Kontrolle hast. Und genau diese Illusion ist oft das größte Hindernis.
Krankheit macht etwas Ähnliches, nur brutaler. Sie stellt den Körper, die Zeit, die Grenzen in den Raum, ohne Rücksicht auf Pläne. Plötzlich geht nicht mehr, was gestern noch selbstverständlich war. Das ist bitter. Aber es ist auch eine radikale Form von Wahrheit: Du bist endlich, verletzlich, nicht unverwundbar. Viele Menschen entdecken erst dadurch eine Art Klarheit, die vorher nie nötig schien. Nicht weil Krankheit „gut“ wäre, sondern weil sie den Blick zwingt, ehrlich zu werden.
Die gefährliche Missdeutung wäre: Leiden sei notwendig, damit Leben „gelingt“. Das stimmt nicht. Leiden ist kein Lehrplan. Aber es kann ein Katalysator sein, wenn man es nicht nur erträgt, sondern verarbeitet. Aus Angst kann Mut entstehen, nicht als Heldentat, sondern als tägliche Entscheidung: trotzdem. Aus Krankheit kann Demut entstehen, nicht als Unterwerfung, sondern als Respekt vor dem Realen.
Vielleicht meint das Zitat letztlich: Wachstum passiert nicht im bequemen Bereich. Es passiert dort, wo Sicherheiten reißen. Nicht weil man das suchen sollte, sondern weil das Leben es ohnehin liefert. Die Frage ist dann nicht: Warum ich? Sondern: Was mache ich jetzt damit?