Feuerbachs Satz klingt erst mal harmlos: Klar, die simpelsten Wahrheiten merkt man halt spät. Aber eigentlich beschreibt er eine ziemlich unangenehme Eigenschaft des Menschen: Wir brauchen oft ewig für Dinge, die komplett offensichtlich sind. Nicht, weil sie schwer zu kapieren wären – sondern weil wir uns drücken.
Die einfachen Wahrheiten sind meistens langweilig. Sie sind nicht spektakulär, nicht neu, nicht kompliziert genug, um sich daran zu berauschen. Sie klingen eher wie diese Sätze, die man schon tausendmal gehört hat und trotzdem nicht lebt: Du kannst niemanden ändern. Du musst Grenzen setzen, sonst setzt sie jemand anderes für dich. Wenn du immer wieder denselben Mist machst, ist es irgendwann keine Phase mehr, sondern ein Charakterzug. Das sind keine philosophischen Labyrinthe. Das ist Klartext. Und genau deshalb trifft es.
Denn Klartext ist unbequem. Eine komplizierte Wahrheit lässt sich diskutieren, zerlegen, relativieren. Da kann man „Ja, aber“ sagen, da kann man sich rauswinden. Eine einfache Wahrheit lässt das nicht zu. Sie steht da wie eine rote Ampel: Du kannst sie ignorieren, aber du weißt genau, dass du gerade Mist baust. Und wenn du sie akzeptierst, musst du handeln. Genau das ist der Punkt, an dem viele hängen bleiben.
Man kann das in Beziehungen sehen, im Job, in Freundschaften, in der eigenen Selbstdisziplin. Da wird endlos analysiert, geredet, geplant, abgewogen. Und während man noch „Reflexion“ spielt, läuft das Leben einfach weiter. Man verliert Zeit, Energie, Respekt – und manchmal auch Menschen. Am Ende kommt dann die Erkenntnis, die schon am Anfang da war. Nur mit mehr Schaden.
Feuerbach zeigt damit auch, wie gerne man sich selbst verarscht. Man tut so, als bräuchte man noch mehr Informationen, noch ein Gespräch, noch ein Zeichen, noch ein bisschen Sicherheit. In Wahrheit braucht man meistens nur eins: den Mut, das Offensichtliche zu akzeptieren und die Konsequenz zu ziehen.
Das Ding is: Die einfachsten Wahrheiten kommen spät, weil sie nicht unser Denken überfordern, sondern unseren Mut. Wer sich ehrlich anguckt, was längst klar ist, muss Entscheidungen treffen – Grenzen setzen, Verantwortung übernehmen, etwas beenden oder endlich anfangen. Und genau da kneifen viele. Vielleicht ist der beste Umgang mit Feuerbachs Satz deshalb nicht, ihn zu nicken, sondern sich zu fragen: Welche Wahrheit ist bei mir glasklar – und warum tue ich immer noch so, als wäre sie kompliziert?
Sag in den Kommentaren, wie du das Zitat verstehst – und welche einfache Wahrheit bei dir am längsten gebraucht hat, bis sie wirklich angekommen ist.