Dänemark will Social Media für Kinder verbieten – und Deutschland schaut aufs Handy
Ich saß neulich in einem Café und beobachtete eine Familie am Nebentisch. Vater, Mutter, zwei Kinder. Alle vier starrten aufs Handy. Keiner sprach. Nicht einmal, als das Essen kam. Da fiel mir auf: Wir reden ständig von „digitaler Zukunft“, aber die Gegenwart ist längst verloren. Wenn man heute in ein Familienrestaurant geht, sieht man keine Gespräche mehr, sondern Displays. Und man weiß nicht, ob das Kind gerade Mathe lernt oder zum dritten Mal ein TikTok-Video sieht, in dem jemand mit Haarspray eine Pizza flambiert.
Und während Deutschland noch überlegt, ob WLAN auf dem Schulhof pädagogisch wertvoll oder teuflisch ist, hat Dänemark einfach entschieden: Unter 15-Jährige sollen künftig kein Social Media mehr nutzen dürfen. Punkt. Ein kompletter Bann, mit Ausnahmen nur auf elterliche Genehmigung ab 13. Der Rest: offline.
Klingt radikal? Ist es. Aber ehrlich gesagt: Es ist wenigstens eine Handlung. Und zwar eine, die in Deutschland undenkbar wäre — nicht, weil wir so freiheitsliebend sind, sondern weil niemand wüsste, wer den Beschluss am Ende per Fax unterschreibt.
Dänemark zieht den Stecker
Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen hat das am 7. Oktober angekündigt. Kein Wischiwaschi, kein „wir prüfen“, sondern klare Richtung: Kinder sollen geschützt werden, auch gegen sich selbst. Und gegen Plattformen, die den Algorithmus so füttern, dass ein Zwölfjähriger mit zwei Klicks von Katzenvideos zu Schönheits-OP-Werbung und sexuellen Inhalten gelangt.
Schon Anfang des Jahres hatten die Dänen Handys in Schulen verboten. Jetzt gehen sie einen Schritt weiter – und sagen: Schluss mit der Dauerberieselung. Währenddessen applaudieren viele Eltern, Lehrkräfte und Psychologen. Sie sagen, Kinder bräuchten Zeit, Langeweile, echte Gespräche. Keine Filterblasen. Keine Influencer mit moralischem Durchfall.
Und sie haben recht. Aber: Ein Verbot löst das Problem nur auf dem Papier. Denn Kinder werden Wege finden. So, wie sie auch Alkohol finden, Zigaretten, oder den Netflix-Account der Eltern.
Das Problem sitzt tiefer
Wer glaubt, Kinder seien das Problem, hat das System nicht verstanden. Kinder machen nur das, was wir ihnen vormachen.
Wenn Eltern stundenlang scrollen, Nachrichten checken, Selfies posten und nebenbei „Mach mal Pause!“ rufen, ist das ungefähr so glaubwürdig wie ein Raucher, der seinem Sohn Nikotinentwöhnung predigt.
Die Wahrheit ist: Viele Eltern sind digital überfordert. Sie verstehen nicht, wie Social Media funktioniert, was es mit Kindern macht, und wie perfide diese Plattformen arbeiten. Sie sind keine schlechten Menschen – nur überfordert. Und gleichzeitig bequem.
Weil es einfacher ist, das Kind mit einem Tablet ruhigzustellen, als sich selbst mit Erziehung, Langeweile und Diskussionen zu beschäftigen.
Man könnte fast sagen: Die Eltern sind die Beta-Version der Digitalen Generation. Nur dass sie kein Update kriegen.
Deutschland: digital inkompetent, kinderfeindlich, gleichgültig
Und jetzt zu uns: Deutschland.
Das Land, in dem Digitalisierung bedeutet, dass man in der Schule endlich eine Tafel hat, die leuchtet.
Das Land, das Kinder liebt – solange sie nicht stören, schreien, kosten oder eigene Gedanken haben.
Wir sind, Hand aufs Herz, ein kinderfeindliches Land.
Kinder sind hier politisch nett für Sonntagsreden, aber unbequem, wenn’s ernst wird.
Wir streiten darüber, ob es Gender-Sternchen in Schulbüchern geben soll, aber kein Mensch fragt, warum Zehnjährige nachts auf TikTok hängen, anstatt zu schlafen.
Während Dänemark Social Media sperrt, streitet Deutschland darüber, ob es rechtlich überhaupt möglich wäre, das umzusetzen. Der Staat, der die DSGVO zur neuen Religion erhoben hat, kriegt es nicht mal hin, ein digitales Jugendschutzsystem auf die Beine zu stellen, das funktioniert.
Und das Allerschönste: In Berlin denkt man immer noch, Digitalisierung sei ein „Projekt“.
Aber die Wahrheit ist: Wir haben die Digitalisierung nicht verschlafen – wir haben sie verpennt, durchgeratzt, überhört und das Aufwachen lässt noch auf sich warten.
Der Staat als digitaler Analphabet
Man könnte ja sagen: „Gut, dann machen’s halt die Schulen.“
Aber an deutschen Schulen kämpft man noch mit Druckerpatronen und Beamtenrecht. Lehrer sollen Medienkompetenz vermitteln, wissen aber oft selbst nicht, was ein Algorithmus ist.
Und der Bund? Hält sich raus. Kinder, Bildung, digitale Erziehung – das sind Ländersache. Oder besser gesagt: Niemandssache.
In Wahrheit traut sich die Politik kaum, das Thema anzufassen.
Warum? Weil es unbequem ist.
Man kann damit keine Wahlen gewinnen. „Mehr Medienkompetenz für Kinder“ klingt nicht sexy.
„Verbot gegen TikTok“ dagegen schon – aber das wäre dann wieder „Einschränkung der Freiheit“.
Also lieber gar nichts tun.
Deutschland diskutiert, Dänemark handelt. Das sagt alles.
Die eigentlichen Schuldigen heißen TikTok, Instagram und Snapchat
Und dann sind da noch die Plattformen selbst – die eigentlichen Profiteure dieser Scheinheiligkeit.
TikTok weiß genau, dass ein 13-jähriger Nutzer Gold wert ist. Nicht, weil er Geld hat, sondern weil er Daten hat. Emotionen. Reaktionen. Aufmerksamkeit.
Instagram lebt davon, dass Kinder sich vergleichen, bewerten, inszenieren. Snapchat hat psychologisch genau kalkuliert, wie viele Sekunden ein Snap bestehen muss, um maximalen Suchtdruck auszulösen.
Diese Firmen wissen mehr über unsere Kinder als deren Lehrer.
Und sie investieren Millionen darin, dass es so bleibt.
Sie behaupten, sie schützen Minderjährige – und liefern gleichzeitig neue Features, die genau das Gegenteil tun.
Deshalb: Ja, die Eltern tragen Verantwortung. Aber ohne klare Pflichten für die Anbieter bleibt das ein leeres Wort. Denn was alles passieren kann, und das der Schutz unserer Kinder unbedingt nötig ist, habe ich auch schon hier geschrieben.
Es gibt längst technische Möglichkeiten für Altersnachweise – nur nutzt sie keiner konsequent. Warum? Weil man sonst Nutzer verliert. Und Nutzer sind Geld.
Verbot oder Verantwortung?
Das ist der eigentliche Kern der Debatte:
Will man Kinder schützen – oder Klickzahlen?
Dänemark sagt: Wir verbieten lieber einmal zu viel als zu spät.
Deutschland sagt: Wir müssen erst eine Kommission bilden, die prüft, ob das Verbot eventuell diskriminierend sein könnte, falls ein Kind sich als erwachsen identifiziert.
So entsteht Stillstand.
Dabei könnte man längst handeln:
Altersnachweise verpflichtend machen.
Plattformen haftbar machen.
Eltern aufklären.
Schulen verpflichten, Medienkompetenz zu unterrichten.
Aber das passiert nicht. Stattdessen diskutiert man darüber, ob eine Schulstunde mehr Informatik reicht, um den Digitalen Graben zu schließen.
Zwischen Hysterie und Ignoranz
Es ist faszinierend: In Deutschland wird jeder neue Trend entweder verteufelt oder vergöttert.
Erst hieß es, Social Media mache Kinder kreativ, dann hieß es, Social Media mache sie depressiv.
In Wahrheit macht Social Media Kinder abhängig – weil es Erwachsene schon längst süchtig gemacht hat.
Und während man in Talkshows über die „Generation Handy“ lästert, drückt man seinem Kind auf dem Rücksitz das iPad in die Hand, „damit es still ist“.
Das nennt man Doppelmoral.
Oder Erziehung 2.0.
Das Ding ist
Wir werden keine Kinder schützen, indem wir ihnen einfach den Stecker ziehen.
Aber wir können sie schützen, wenn wir sie stark machen.
Dazu braucht es Gesetze, die Plattformen verpflichten, endlich Verantwortung zu übernehmen – und Altersnachweise, die ernst gemeint sind, nicht nur Checkboxen.
Es braucht Eltern, die sich für digitale Erziehung interessieren, statt nur nach Freizeit zu suchen.
Und es braucht Schulen, die Medienkompetenz nicht als „Zusatzstoff“ behandeln, sondern als Grundbildung.
Dänemark hat den Mut, zu handeln.
Deutschland hat den Reflex, zu reden.
Wenn wir nicht wollen, dass unsere Kinder zu Versuchskaninchen der Algorithmen werden, müssen wir endlich begreifen:
Schutz bedeutet nicht Verbote. Schutz bedeutet Bildung, Verantwortung und Konsequenz.
Herzlichst,
Mike
Aufforderung zum Kommentieren:
Wie siehst du das? Sind Verbote sinnvoll, oder brauchen wir mehr Eigenverantwortung? Schreib mir unten, wie du über das dänische Social-Media-Verbot denkst – und ob du glaubst, dass Deutschland den Mut hätte, so zu handeln.
Weiterführende Hilfs- und Informationsstellen (Deutschland)
Hier findest du seriöse Anlaufstellen und Projekte, die Eltern, Kinder und Schulen beim sicheren und verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien unterstützen. Alle Links führen auf geprüfte, unabhängige Seiten.
1. klicksafe.de – EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz
Offizielle EU-Initiative, betrieben von der Medienanstalt Rheinland-Pfalz. Bietet Unterrichtsmaterialien, Elternratgeber, Broschüren, Webinare und Selbsttests zu Social Media, Datenschutz und Medienkompetenz.
2. Saferinternet.de
Zusammenschluss deutscher Partner im europäischen „Better Internet for Kids“-Netzwerk. Hilft mit Tipps gegen Cybermobbing, Sexting, Fake News und Datenschutzrisiken.
3. Nummer gegen Kummer – Eltern- und Kindertelefon
Kostenlose, anonyme Beratung für Kinder, Jugendliche und Eltern: Kinder- und Jugendtelefon: 116 111 · Elterntelefon: 0800 111 0550
4. JUUUPORT – Online-Beratung von Jugendlichen für Jugendliche
Ehrenamtliche Peer-Scouts helfen bei Problemen wie Cybermobbing, Hatespeech, Identitätsdiebstahl und Online-Sucht.
5. Deutscher Kinderschutzbund (DKSB)
Informationen und Projekte rund um digitale Kinderrechte, Online-Gewalt sowie Schulprojekte zum sicheren Umgang mit Medien.
6. Internet-ABC e.V.
Ideal für Schulen und Elternabende: interaktive Lernmodule, Quizze und Unterrichtsideen für Kinder zwischen 6 und 12 Jahren.
7. fragFINN.de – Sicher surfen für Kinder
Kindersuchmaschine mit redaktionell geprüften Inhalten, empfohlen von der Bundesregierung.
8. BZgA – „Ins Netz gehen“: Beratungsstellen-Datenbank
Offizielle Datenbank mit Beratungsangeboten in deiner Nähe (PLZ-Suche) zu exzessiver Mediennutzung, Gaming- und Internetsucht.
9. Stiftung Digitale Chancen
Unterstützt Familien, Senioren und Schulen beim digitalen Lernen. Bietet Schulungen, Studien und Materialien zur digitalen Inklusion.