Die Menschen werden nicht von den Dingen, sondern von den Meinungen über die Dinge geleitet. Karl Leberecht Immermann trifft damit einen Nerv und genau ins Schwarze. Denn wenn man ehrlich ist: Die Dinge selbst sind oft ziemlich stumm. Ein Ereignis passiert. Ein Satz fällt. Eine Zahl steht im Raum. Und dann kommt der Mensch und macht daraus einen Film. Mit Soundtrack, Bösewicht, Held, Moralpredigt und Abspann. Nicht weil das Ding so eindeutig wäre, sondern weil wir es so eindeutigen wollen.
Philosophisch steckt da eine simple, aber unbequeme Wahrheit drin: Zwischen Welt und Kopf steht immer eine Brille. Und die Brille ist selten neutral. Sie ist getönt von Erfahrungen, Ängsten, Hoffnungen, Stolz, Scham und dem ganzen Kram, den man sich nicht eingestehen will. Zwei Leute sehen das gleiche: eine Kündigung, ein Blick, eine Schlagzeile. Der eine denkt: Angriff. Der andere denkt: Chance. Das Ding ist identisch, aber die Meinung macht die Realität.
Das erklärt auch, warum Diskussionen so oft scheitern. Man streitet nicht über das, was ist, sondern über das, was man daraus macht. Und das wird schnell religiös. Nicht im Sinne von Kirche, sondern im Sinne von: Meine Deutung gibt mir Halt, also verteidige ich sie wie eine Festung. Wer an meiner Meinung rüttelt, rüttelt an mir. Deshalb werden Debatten so schnell persönlich, so schnell beleidigt, so schnell hysterisch.
Karl Leberecht Immermanns Satz ist aber nicht nur ein Vorwurf. Er ist auch eine Art Warnschild: Pass auf, was du dir über die Dinge erzählst. Weil du danach lebst. Wer ständig annimmt, alle seien gegen ihn, läuft verkrampft durch die Welt und findet am Ende auch genug Beweise dafür. Wer überall Verrat wittert, sieht irgendwann nur noch Verräter. Und wer sich einredet, er könne sowieso nichts ändern, wird recht behalten.
Das Ding is: Die Realität kommt nicht ungefiltert bei uns an. Wir bauen sie mit. Und genau deshalb lohnt sich diese kleine, unangenehme Frage: Ist das wirklich das Ding – oder nur meine Meinung darüber?
Schreib in die Kommentare, wie du das Zitat verstehst und wo du im Alltag merkst, wie sehr Meinungen unser Handeln steuern.