Kennedys Satz wirkt wie ein Weckruf: Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier? Wer, wenn nicht wir? Drei Fragen, die Ausreden zerlegen. Und genau deshalb ist er so gefährlich praktisch: Du kannst das Zitat von John F. Kennedy jetzt hier wir als Verantwortungssatz lesen – oder als Selbstkrönung.
Der ehrliche Kern ist eigentlich simpel: Fang an, wo du bist, mit dem, was du hast, statt auf perfekte Bedingungen zu warten. Das ist der beste Teil daran. Aber jetzt kommt der Narzissmus-Shortcut: Ein Narzisst liest nicht „wir“. Er hört nur „ich“. Aus „Wer, wenn nicht wir?“ wird „Wer, wenn nicht ich?“ Und aus einem Aufruf zur gemeinsamen Verantwortung wird ein Freifahrtschein für Ego-Politik.
Wenn man Trump als Folie nimmt, sieht man das Muster glasklar. Nicht weil nur er das könnte – aber weil es bei ihm so oft im Scheinwerferlicht passiert: Der Satz wird dann nicht zur Aufforderung, dass viele Verantwortung übernehmen, sondern zur Story, dass einer „auserwählt“ ist, das Chaos zu ordnen. Jetzt heißt dann: sofortige Durchsetzung, ohne Geduld, ohne Verfahren, ohne Widerspruch. Hier heißt: alles wird zur Bühne, jede Situation zur Loyalitätsprüfung. Und wir heißt: „wir“ sind die, die klatschen – alle anderen sind Gegner, Verräter, Lügner, irgendwas mit Feind.
Das ist der Moment, in dem das Zitat kippt: Es wird nicht mehr ethisch, sondern theatralisch. Nicht mehr gemeinschaftlich, sondern personalisiert. Nicht mehr Verantwortung, sondern Überhöhung. Und das ist bei Narzissten typisch: Sie benutzen moralische Sätze wie Werkzeuge. Nicht, um sich selbst zu begrenzen, sondern um andere zu kontrollieren. Die Botschaft lautet dann nicht „komm, wir tragen das zusammen“, sondern „folgt mir, ich trage euch – und ihr schuldet mir dafür Dankbarkeit“.
Woran erkennt man den Unterschied ganz konkret?
- Verantwortungs-Lesart: Ich beginne bei mir, aber ich respektiere Regeln, Grenzen, Fakten. Ich halte Kritik aus. Ich teile Macht.
- Narzissmus-Lesart: Ich bin die Lösung. Kritik ist Angriff. Regeln sind störend. Fakten sind verhandelbar. Loyalität zählt mehr als Kompetenz.
Das ist übrigens das perfide: Der Satz klingt in beiden Fällen gleich. Die Absicht dahinter ist komplett anders.
Das Ding is: Kennedys Fragen sind ein Test, kein Thron. Sie fragen, ob du bereit bist, Verantwortung zu übernehmen – und ob du dabei noch weißt, dass „wir“ nicht „ich“ bedeutet. Wenn jemand den Satz nutzt, um sich selbst zum Retter zu erklären, ist das kein Mut, das ist pures Ego.
Wie verstehst du dieses Zitat – und wo siehst du die Grenze zwischen echter Verantwortung und Selbstinszenierung?