Wir haben vor kurzem eine große Tüte Fallobst geschenkt bekommen. Äpfel und Birnen. Nichts davon sah aus wie im Laden. Keine makellose Haut, keine polierte Oberfläche. Druckstellen, kleine Macken, unterschiedlich groß. Eben das, was in keinem Supermarktregal landen darf.
Und trotzdem: Es schmeckt. Es ist saftig, frisch und gesund. Genau so, wie Obst sein sollte. Und da frage ich mich: Warum wird so etwas nicht einfach verkauft? Warum landet das Zeug tonnenweise im Müll? Nur weil es nicht hübsch genug ist? Wir schmeißen gutes Essen weg, während andere nicht wissen, wie sie sich eine Mahlzeit leisten sollen. Das ist völlig irre.
Essen als Dekoration
Es geht heute nicht mehr um Nährwert, Geschmack oder Herkunft. Es geht ums Aussehen. Lebensmittel werden behandelt wie Dekoartikel. Die Tomate muss perfekt rund sein, die Banane darf keine Flecken haben, der Apfel muss glänzen wie lackiert. Alles andere gilt als „minderwertig“.
Das fängt schon in der Werbung an. Dort siehst du makelloses Obst, strahlend weißes Brot und Nudeln, die aussehen, als wären sie mit der Pinzette sortiert. Kein Wunder, dass die Leute dann glauben, nur das sei „richtiges“ Essen.
Das Ergebnis: Supermärkte schmeißen tonnenweise genießbare Ware weg. Weil sie nicht perfekt aussieht. Und das Verrückteste daran – wer das dann aus der Mülltonne holt, um es zu retten, macht sich strafbar.
Strafe für gesunden Menschenverstand
Wer in Deutschland containert, also Essen aus Supermarkt-Mülltonnen holt, riskiert eine Anzeige. Hausfriedensbruch oder Diebstahl, je nachdem, wo die Tonne steht.
Essen, das im Müll liegt. Essen, das keiner mehr will. Essen, das eigentlich niemandem mehr gehört. Und trotzdem darf man es nicht nehmen.
Warum? Weil Bürokratie wichtiger ist als Vernunft. Supermärkte dürfen es abschreiben, und dann gilt es steuerlich als Verlust. Würde man es danach weitergeben, könnte das Probleme machen. Also lieber weg damit.
Da wird also lieber ein Container voller Brot, Obst und Gemüse verschlossen, statt dass man sagt: „Hier, nehmt es euch, bevor es schlecht wird.“
In Frankreich ist das anders. Dort ist es Pflicht, dass Supermärkte unverkaufte Lebensmittel spenden oder verschenken. Das funktioniert. Es hilft Menschen, und es verhindert Verschwendung. So einfach könnte das sein – aber wir Deutschen brauchen lieber Gesetze, Ausreden und Sicherheitsbedenken.
Die Bequemlichkeits-Generation
Ein weiteres Problem ist: Viele Menschen wissen gar nicht mehr, wie man richtig mit Lebensmitteln umgeht.
Das liegt nicht nur an fehlender Zeit oder Bequemlichkeit, sondern oft daran, dass es ihnen nie beigebracht wurde. Eltern, die selbst kaum noch kochen, geben das so weiter. Es wird bestellt, aufgewärmt oder aus der Tiefkühltruhe geholt.
Kochen? Dafür hat man doch Apps.
Aber wer noch nie gesehen hat, wie man Obst einkocht, Gemüse einlegt oder Reste verwertet, der hat auch keinen Bezug mehr dazu. Das Wissen, das früher selbstverständlich war, verschwindet.
Meine Großeltern wussten genau, wie man Vorräte anlegt. Da wurde nichts weggeschmissen. Heute schmeißen wir weg, was nicht sofort gegessen wird. Und dann beschweren wir uns, dass alles teurer wird.
TikTok statt Kochlöffel
Natürlich gibt es heute Kochshows, YouTube-Kanäle und TikTok-Videos ohne Ende. Es wird gekocht, gebraten, gebacken – aber immer perfekt. Alles sieht aus wie aus der Werbung.
Das Problem: Es bleibt beim Anschauen. Viele probieren es nach, scheitern, und geben wieder auf. Weil niemand da ist, der ihnen zeigt, warum etwas nicht klappt.
Kochen ist Handwerk. Das lernt man nicht durch Swipen und Likes, sondern durch Tun, Fehler und Erfahrung.
Das Internet zeigt Rezepte, aber keine Geduld. Und Geduld ist das, was man in der Küche braucht.
Das Ergebnis ist eine Generation, die sich mehr mit dem perfekten Bild vom Essen beschäftigt als mit dem Essen selbst. Das ist nicht böse gemeint, aber real.
Das alte Wissen verschwindet
Früher wusste fast jede Familie, wie man Lebensmittel haltbar macht. Heute weiß kaum jemand, wie man Marmelade richtig einkocht oder was man mit altem Brot anfangen kann.
Das ist mehr als nur „nicht wissen“. Das ist ein kultureller Verlust.
Wenn Menschen das Handwerk des Kochens verlieren, verlieren sie ein Stück Selbstständigkeit. Dann sind sie abhängig von Supermärkten, Fertiggerichten und Lieferdiensten.
Und das geht schnell. Wenn du einmal aufgehört hast, selbst zu kochen, merkst du, wie du das Gefühl für Zutaten verlierst. Du weißt nicht mehr, wie etwas riecht, wenn es frisch ist. Du merkst nicht, dass eine Tomate auch dann gut ist, wenn sie nicht glänzt.
So werden Menschen zu Konsumenten statt zu Essern.
Die Sache mit den Rollenbildern
Heute darfst du kaum noch sagen, dass du es gut findest, wenn jemand kochen kann – ohne sofort erklären zu müssen, dass du natürlich alle Geschlechter meinst.
Wenn du sagst, es ist schön, wenn Frauen kochen können, heißt es gleich, du wärst ein Patriarch.
Aber es geht doch nicht um Rollenbilder, sondern um Fähigkeiten.
Kochen ist kein Frauending. Kochen ist Menschending. Jeder sollte das können.
Und trotzdem hat man als Mann heute das Gefühl, man muss sich ständig rechtfertigen. Alles, was irgendwie „traditionell“ klingt, gilt sofort als verdächtig.
Dabei war Kochen früher nie politisch. Es war einfach normal, dass Menschen für sich und andere sorgten. Das sollte es wieder werden.
Verantwortung fängt in der Küche an
Wir reden oft über Nachhaltigkeit, Umweltschutz, CO₂-Ausstoß. Aber kaum jemand redet darüber, dass der größte Hebel bei uns selbst liegt – im Kühlschrank, im Einkaufswagen, in der Mülltonne.
Wenn wir lernen würden, mit Lebensmitteln bewusster umzugehen, bräuchte es viele dieser großen Diskussionen gar nicht.
Das fängt bei der Auswahl an: regional, saisonal, sinnvoll.
Und es hört beim Verbrauch auf: Reste verwerten, einfrieren, teilen, haltbar machen.
Das klingt banal, ist aber die Grundlage von Respekt.
Denn Respekt fängt nicht erst bei großen Themen an. Er fängt da an, wo wir etwas als selbstverständlich nehmen, das eigentlich wertvoll ist – unser Essen.
Was Schule verpasst
In der Schule lernen Kinder Formeln, Daten und Theorien, die sie im Alltag nie wieder brauchen. Aber sie lernen nicht, wie man mit Geld oder Lebensmitteln umgeht.
Hauswirtschaft, Ernährung, Kochen – das alles wurde über Jahre aus den Lehrplänen gestrichen oder nur noch theoretisch behandelt.
Und dann wundert man sich, dass Jugendliche keine Ahnung haben, wie man eine Mahlzeit zubereitet, einen Einkaufszettel schreibt oder die Haltbarkeit einschätzt.
Schule müsste wieder mehr Leben beibringen. Nicht nur Wissen.
Denn Essen ist Leben. Und wer das nicht versteht, versteht irgendwann auch nicht mehr, was Gemeinschaft bedeutet.
Gemeinsam essen, gemeinsam leben
Wenn ich an früher denke, erinnere ich mich an Abende, an denen die Familie am Tisch saß. Da wurde gemeinsam gekocht, gegessen und geredet. Nicht perfekt, nicht edel, aber ehrlich.
Heute isst jeder für sich. Einer vor dem Fernseher, einer am Handy, einer im Auto.
Essen ist keine gemeinsame Zeit mehr, sondern nur noch Energiezufuhr.
Und genau da liegt das Problem.
Wir verlieren das, was uns verbindet.
Kochen ist mehr als Hunger stillen. Es ist ein Stück Miteinander, das heute in Lieferdiensten und Plastikverpackungen verschwindet.
Das Ding ist:
Wir haben verlernt, Essen zu schätzen – weil wir es immer und überall bekommen. Weil wir uns nicht mehr anstrengen müssen. Weil wir vergessen haben, was es bedeutet, mit Lebensmitteln umzugehen.
Das ist kein moralischer Zeigefinger, sondern ein Aufruf zum Nachdenken.
Vielleicht sollten wir weniger über Genderrollen, Kalorien und Trends reden – und wieder mehr darüber, was auf unserem Teller liegt, woher es kommt und wer es zubereitet hat.
Essen ist Leben. Und wer sein Essen wegwirft, wirft ein Stück Leben mit weg.
Herzlichst, Mike
Red mit. Was denkst du?
Warum werfen wir so viel weg, obwohl es andere dringend brauchen könnten?
Ich freue mich auf eure Kommentare – ehrlich, direkt, ohne Filter.
Quellen und weiterführende Informationen
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft – Lebensmittelverschwendung: Zahlen & Fakten
https://www.bmel.de/DE/themen/ernaehrung/lebensmittelverschwendung/lebensmittelverschwendung_node.html
Umweltbundesamt – Lebensmittelabfälle in Deutschland
https://www.umweltbundesamt.de/themen/abfall-ressourcen/abfallwirtschaft/abfallvermeidung/lebensmittelabfaelle
Verbraucherzentrale – Containern von Lebensmitteln: Was das ist und warum es verboten ist
https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/auswaehlen-zubereiten-aufbewahren/containern-von-lebensmitteln-was-das-ist-und-warum-es-verboten-ist-85065
WWF Deutschland – Lebensmittelverschwendung: Das große Wegschmeißen
https://www.wwf.de/themen-projekte/landwirtschaft/ernaehrung-konsum/lebensmittelverschwendung/das-grosse-wegschmeissen
Deutsche Umwelthilfe e.V. – Lebensmittelverschwendung stoppen
https://www.duh.de/informieren/landwirtschaft-und-ernaehrung/lebensmittelverschwendung-stoppen/