Es war einmal …
Es war einmal ein Land, in dem alle Menschen alt werden wollten – aber bitte ohne alt zu sein.
Sie wünschten sich die Weisheit des Alters, aber nicht die Falten. Sie träumten von der Gelassenheit der Senioren, aber nicht vom Rollator. Sie sehnten sich nach Respekt vor dem „grauen Haar“, aber wehe, man erwähnte das Wort „Sterblichkeit“.
In diesem Land wuchsen Apotheken wie Pilze aus dem Boden, und Drogeriemärkte wurden zu Kathedralen, in denen man kleine Tuben verehrte, die angeblich „Falten glätten“ konnten. Die Königin der Cremes thronte auf glänzenden Regalen und versprach ewige Jugend – solange man alle vier Wochen 29,95 € in ihr Opferkörbchen legte.
Und die Menschen glaubten daran. Weil Märchen immer schön sind, solange man sie nur oft genug wiederholt.
Der Drache Alter
Doch tief im dunklen Wald lauerte er: der Drache Alter.
Ein uraltes Wesen, das schon Könige und Bettler gleichermaßen gefressen hatte. Niemand konnte ihm entkommen. Manche versuchten, ihn mit Joggingrunden zu besänftigen, andere mit Smoothies aus Grünkohl und Chiasamen. Aber der Drache schnaubte nur müde Rauch aus seinen Nasenlöchern.
Denn der Drache wusste: Am Ende fressen nicht die Kalorien dich, sondern er.
Die Politik versuchte, den Drachen zu überlisten. Sie rief: „Rente mit 70!“, „Arbeiten bis 75!“ – in der Hoffnung, dass die Menschen den Drachen erst dann trafen, wenn sie schon zu müde waren, um sich zu wehren. Aber der Drache lachte, weil er wusste, dass er in Wahrheit schon viel früher zubiss – still und leise, floss sein Gift in die Blutbahn und sorgte für Arthrose, Diabetes, Demenz und Herzschwäche.
Und während die Alten mit Schmerztabletten bewaffnet zur Arbeit trotteten, versprach der Drache ihnen: „Ich hole euch. Nicht heute. Aber bald. Und ihr werdet es wissen.“
Die Zaubertränke und guten Feen
Doch das Märchen wäre kein Märchen ohne Magie.
Also traten sie auf: die drei guten Feen.
Die erste hieß Wellness. Sie flüsterte: „Geh in die Sauna, iss Bio-Müsli und leg Gurkenscheiben auf die Augen. Das wird dich retten.“
Die zweite hieß Detox. Sie sprach: „Trinke Selleriesaft, faste sieben Tage, entgifte deinen Körper – auch wenn niemand je gefunden hat, was da eigentlich raus soll.“
Die dritte hieß Yoga. Sie versprach: „Atme tief ein, verbiege dich wie eine Brezel, und dein Rücken wird nie wieder schmerzen. Außer natürlich, wenn er danach wehtut.“
Und dann kam der große Zauberer Vitamin D, unterstützt vom mächtigen Zauberstab Omega-3. Sie verkündeten: „Nehmt uns in Pillenform, und euer Leben verlängert sich!“
Die Menschen nickten, schluckten, zahlten.
Doch der Drache Alter wurde nur stärker. Er labte sich an der Angst, die die Menschen hatten, wenn sie ihre Cremes auftrugen. Denn er wusste: Es war alles nur Verzögerung.
Die böse Stiefmutter Spiegel
Wie in jedem Märchen gab es auch hier eine böse Stiefmutter: den Spiegel.
Jeden Morgen stellte er sich vor die Menschen und rief: „Du bist nicht mehr die Schönste im Land.“
Er zeigte Falten, die über Nacht gewachsen waren, Augenringe, die kein Concealer mehr verbergen konnte, und graue Haare, die aussahen wie kleine Fahnen der Niederlage.
Die Menschen erschraken und griffen nach noch teureren Cremes. Manche zogen gar zum Schönheitsalchemisten, der versprach, aus Runzeln wieder Porzellan zu zaubern. Doch die Gesichter, die er zurückließ, sahen oft aus wie Wachsmasken: glatt, aber seelenlos.
Und der Spiegel grinste, denn er wusste, dass er am Ende immer recht behielt.
Die Euphemismen des Hofstaats
Damit das Märchen nicht zu traurig wurde, erfand der Hofstaat neue Wörter.
Man sagte nicht mehr „alt“, sondern „junggeblieben“.
Man sprach nicht mehr von „Rentnern“, sondern von „Best Agern“.
Man nannte Senioren „Silver Surfer“ und Pflegeheime „Residenzen“.
Die Hofnarren – gemeinhin bekannt als Werbeagenturen – dichteten Sprüche wie „Alt werden? Nur für Feiglinge!“ oder „60 ist das neue 40“.
Doch der Drache Alter schüttelte sich vor Lachen. Denn 60 war nicht das neue 40, sondern einfach 60. Mit Bluthochdruck.
Der Preis des Zaubers
Und wie jedes Märchen hatte auch dieses einen Preis.
Die Zaubertränke kosteten Milliarden. Milliarden, die in Cremes, Pillen, Operationen und Fitnessprogramme flossen. Milliarden, die nicht in Pflegekräfte, Hospize und würdiges Sterben investiert wurden.
Denn während die Wohlhabenden noch schnell Botox tankten, lag die Realität auf den Fluren der Pflegeheime: alte Körper, die nicht mehr konnten. Alte Menschen, die niemand mehr sehen wollte.
Das Märchen vom gesunden Altern war teuer – und seine Rechnung wurde von den Schwächsten bezahlt.
Der schwarze Humor der Wirklichkeit
Es gibt Witze, die schreibt das Leben selbst:
- Da ist der 72-Jährige, der im Fitnessstudio vom Laufband fällt, weil er „fit bis 100“ werden wollte.
- Da ist die 65-Jährige, die sich für tausende Euro liften lässt – und danach aussieht wie ein Luftballon, der zu stramm aufgeblasen wurde.
- Da ist der Manager, der Vitaminpräparate schluckt, als gäbe es kein Morgen – und trotzdem mit Herzinfarkt im Büro umfällt.
Der Drache Alter hat eben seinen eigenen Humor. Schwarz. Bitter. Gnadenlos.
Der unvermeidliche Schluss
Und so kam es, wie es kommen musste.
Eines Tages stand der Drache Alter mitten im Land, groß, mächtig, unausweichlich. Die Menschen schrien, sie wollten noch mehr Zeit, noch mehr Pillen, noch mehr Cremes. Aber der Drache sagte:
„Ihr Narren. Ich war immer da. Ich wuchs in euren Gelenken, ich schlief in eurem Rücken, ich zog Falten in eure Haut. Ich bin kein Feind, den ihr besiegen könnt. Ich bin euer Spiegel. Ich bin euer Ende. Ich bin eure Wahrheit.“
Und er nahm sich einen nach dem anderen. Nicht auf einmal, sondern langsam, in Etappen, genüsslich.
Und wenn sie nicht gestorben sind – dann cremen sie noch heute.
Das Ding is
Altwerden ist nichts anderes als ein sehr langsames Sterben. Wir können es dekorieren, polieren, vertuschen – aber es bleibt, was es ist.
Die wahre Kunst liegt nicht darin, es zu leugnen, sondern darin, es anzunehmen.
Statt Milliarden in Anti-Aging zu pumpen, könnten wir in ein würdiges Altern investieren. Statt vor dem Tod wegzurennen, könnten wir lernen, über ihn zu sprechen. Statt „ewige Jugend“ zu jagen, könnten wir echte Nähe pflegen – zu Menschen, nicht zu Produkten.
Das gesunde Altern ist kein Märchen vom ewigen Leben. Aber es könnte eine Geschichte von Würde sein, wenn wir ehrlich genug wären, sie zu erzählen.
Herzlichst, Mike