Bejahe den Tag, wie er dir geschenkt wird, statt dich am Unwiederbringlichen zu stoßen – dieser Satz von Antoine de Saint-Exupery klingt ruhig, fast sanft. Und ist doch gnadenlos ehrlich. Denn er legt den Finger genau dorthin, wo es weh tut: auf unsere Unfähigkeit, das Jetzt auszuhalten, ohne es permanent mit dem Gestern zu vergleichen.
Wir Menschen haben eine erstaunliche Begabung darin, uns an Dingen zu verletzen, die nicht mehr existieren. Entscheidungen, die anders hätten ausfallen können. Worte, die man hätte sagen müssen. Menschen, die gegangen sind. Chancen, die verpasst wurden. Das alles ist weg. Endgültig. Und trotzdem laufen wir täglich dagegen an, als wäre das Unwiederbringliche ein Möbelstück, das wir aus Trotz nicht verrücken wollen. Wir stoßen uns daran und wundern uns dann, warum alles schmerzt.
Saint-Exupéry fordert etwas radikal Einfaches: Bejahung. Kein Jubel. Kein Dauergrinsen. Sondern ein stilles Anerkennen dessen, was ist. Der Tag ist ein Geschenk. Nicht weil er perfekt wäre, sondern weil er da ist. Mehr gibt es nicht. Und mehr brauchen wir auch nicht, um verantwortlich zu leben.
Philosophisch betrachtet ist das ein Affront gegen unseren inneren Richter. Gegen die Stimme, die ständig bilanziert, bewertet, vergleicht. Bejahen heißt nicht, alles gut zu finden. Es heißt, aufzuhören, die Realität mit einem moralischen Strafzettel zu versehen. Der Tag schuldet uns nichts. Und wir schulden ihm auch keinen permanenten Widerstand.
Das Unwiederbringliche ist dabei der größte Betrüger. Es tut so, als könnte man es durch genug Grübeln, Bereuen und Wiederkäuen doch noch beeinflussen. Als wäre Vergangenheit ein Rohstoff, den man nur hartnäckig genug bearbeiten muss. In Wahrheit ist sie Beton. Ausgehärtet. Unveränderlich. Wer sich weiter daran stößt, verletzt sich nicht aus Tiefe, sondern aus Gewohnheit.
Bejahung ist deshalb kein esoterischer Trick, sondern eine Form von Klarheit. Sie bedeutet: Ich erkenne an, dass dieser Moment nicht verhandelbar ist. Dass er nicht wartet, bis ich innerlich aufgeräumt habe. Dass Leben nicht später passiert.
Der Satz von Saint-Exupéry ist keine Einladung zur Passivität. Er ist eine Zumutung zur Gegenwart. Und vielleicht genau deshalb so unbequem. Denn wer den Tag bejaht, wie er ist, kann sich nicht mehr hinter dem Gestern verstecken. Und nicht mehr darauf hoffen, dass das Morgen alles repariert.