Foto: AfD
Es gibt diese Geschichte, die man sich am Stammtisch erzählt: Die AfD ist die letzte Bastion des kleinen Mannes. Die einzige Partei, die noch weiß, wie man einen Hammer in der Hand hält, die noch den Klang von Münzen im Portemonnaie kennt und die sich nicht dafür entschuldigt, dass Bratwurst nach Fleisch riecht. Sie ist, so das Eigenmarketing, der Anwalt all jener, die morgens aufstehen, um das Land am Laufen zu halten, während die „Altparteien“ angeblich nur noch Latte Macchiato trinken und über Gendersternchen diskutieren.
Das klingt nach einer Revolutionsromantik in Blautönen. Nur: Wenn man genauer hinschaut, wirkt vieles davon eher wie ein Märchen. Oder wie ein sehr lautes Megafon, das behauptet, die Stimme des Volkes zu sein – während das Volk im Hintergrund hustet, weil es nicht zu Wort kommt.
Die Sache mit dem kleinen Mann
Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Mindestlohn. 2022 stand er auf der Agenda. Zwölf Euro sollten es werden. SPD, Grüne, FDP und Linke sagten Ja. Die Union enthielt sich. Und die AfD? Ebenfalls Enthaltung. Kein klares Nein, kein Ja – ein Ausweichen. Begründung: Löhne sollten Sache des Marktes sein. Klingt wirtschaftsliberal, nur schwer vereinbar mit der Pose als Beschützer der kleinen Leute, die am Monatsende jeden Cent zweimal umdrehen.
Dann die Tarifbindung. Gesetze, die Unternehmen verpflichten, Tariflöhne zu zahlen? Die AfD lehnt das ab. In Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt brachte sie sogar Gesetzentwürfe ein, die Tariftreue-Regelungen komplett abschaffen wollten. Also: weniger Tarifbindung, weniger Sicherheit, mehr „freier Markt“. Für den kleinen Mann bedeutet das übersetzt: Wer Pech hat, darf seine Arbeitskraft bald auf eBay Kleinanzeigen versteigern.
Und während Corona, als das Land über einen Pflegebonus diskutierte, um Krankenschwestern, Erzieherinnen oder Supermarktkassierer für ihren Einsatz zu belohnen, stimmte die AfD dagegen. Zu teuer, hieß es. Man könnte auch sagen: Die Heldin an der Supermarktkasse darf gerne weiter die Schlagzeilen zieren, aber bitte nicht den Bundeshaushalt belasten.
Natürlich, im Programm klingt alles schöner: Kinderprämien, Junior-Depots, flexible Rentenmodelle. Nur leider summieren sich diese Versprechen auf über 100 Milliarden Euro jährlich – während die Partei gleichzeitig Steuern für Wohlhabende senken und die Schuldenbremse zementieren will. Wer rechnen kann, merkt: Da bleibt am Ende für den kleinen Mann wenig übrig außer warmen Worten.
Diagnose: Extremistisch?
Dann dieser andere Punkt, der wie ein Damoklesschwert über der Partei hängt: die Einstufung durch den Verfassungsschutz. Am 2. Mai 2025 erklärte das BfV die AfD offiziell zur gesichert rechtsextremistischen Bestrebung. Ein Paukenschlag.
Doch kaum ausgesprochen, folgte die Klage – und mit ihr die Stillhaltezusage: Bis das Verwaltungsgericht Köln entscheidet, darf die Einstufung öffentlich nicht vollzogen werden. Die AfD befindet sich seither in einer Art juristischem Wartezimmer. Diagnostiziert, aber noch nicht behandelt.
Die AfD schreit „politisch motiviert!“, das BfV zeigt Aktenordner voller Zitate und Netzwerke. Die Wahrheit? Unklar. Klar ist nur: Wir haben eine Partei, die gleichzeitig als extremistisch eingestuft und weiter wählbar ist. Willkommen im Schwebezustand der Demokratie.
Migration: Festung statt Willkommenskultur
Kein Feld wird so heftig bespielt wie Migration. Hier liefert die AfD, was sie verspricht: klare Ansagen.
Asyl? Weg von der EU, zurück ins nationale Hoheitsgebiet. Grenzen dicht. Seenotrettung? NGOs kriminalisieren, lieber Abschreckungskampagnen in Afrika finanzieren. Flüchtlinge? „Remigrationsprogramme“ sollen sie zurückführen – und zwar nicht nur die, die illegal eingereist sind, sondern möglichst viele. Selbst die Freizügigkeit innerhalb der EU will die AfD einschränken, damit osteuropäische Arbeitsmigranten leichter abgewiesen werden können.
Und dann der Islam. Seit 2016 im Parteiprogramm: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“ Im Europawahlprogramm 2024 wird es noch härter: Islam sei mit den Werten Europas unvereinbar. Religiöse Symbole – also Minarette, Kopftücher, Gebetsrufe – am besten verbieten.
Das ist kein Versehen, sondern Programm. Kritiker nennen es Stigmatisierung, Anhänger sagen „endlich klare Kante“. Faktisch vertritt die AfD die restriktivste Linie im Bundestag. Ob das notwendig oder gefährlich ist, liegt im Auge des Betrachters.
Klimawandel? Einfach abbestellen
Während sich der Rest der Welt streitet, wie man das Klima retten kann, erklärt die AfD: Klimaschutz sei ein „politischer Kampfbegriff“.
- Pariser Abkommen? Kündigen.
- CO₂-Reduktion? Bringt nichts.
- Energiewende? Stoppen. EEG? Abschaffen.
- Windräder? Nein danke.
Stattdessen: Anpassung. Wenn’s heißer wird, stellen wir Ventilatoren auf. Wenn der Meeresspiegel steigt, bauen wir Deiche. Kernkraftwerke reaktivieren, fossile Energien weiter nutzen.
Für Wissenschaftler ist das ein Schlag ins Gesicht, für manchen Stromzahler klingt es kurzfristig nach Erleichterung. Aber langfristig? Das Klima fragt nicht nach Parteiprogrammen.
Europa – Freund oder Feind?
2013 trat die AfD als Anti-Euro-Partei an. Heute träumt sie vom Dexit. Im Programm steht schwarz auf weiß: Deutschland raus aus der EU, stattdessen ein loser Staatenbund.
Das ist mehr als Kritik. Das ist Abriss. Während andere Parteien die EU reformieren wollen, sieht die AfD in Brüssel vor allem ein Bürokratiemonster, das Deutschland knebelt. Volksentscheid über den Austritt? Willkommen im politischen Tabubruch.
Direkte Demokratie – oder direkte Demontage?
Die AfD fordert seit Jahren: mehr Volksentscheide, nach Schweizer Vorbild. Klingt demokratisch. Aber der Entwurf, den sie 2021 in den Bundestag einbrachte, sah vor: keine Mindestbeteiligung, keine verfassungsrechtliche Prüfung, und 10 % der Abgeordneten sollten Referenden erzwingen dürfen.
Sogar Mehr Demokratie e.V. – die Lobby für Volksentscheide – warnte: Das sei keine Stärkung, sondern eine Gefahr für die Demokratie. Im Ergebnis würde der „Volkswille“ über allem stehen – auch über Grundrechten und Minderheitenschutz.
Das ist der Punkt: Man kann für mehr Bürgerbeteiligung sein. Aber wer Schutzmechanismen abschafft, riskiert am Ende genau das, was man vorgibt, verhindern zu wollen.
Sprache als Schwert
Und dann die Sprache. „Lügenpresse“. „Altparteien“. „Volksverräter“.
Es sind keine Ausrutscher, sondern Kalkül. Misstrauen gegenüber Medien, Feindbilder bei Gegnern, ein geschlossenes Weltbild für Anhänger. Wer alles außerhalb der eigenen Blase zum Feind erklärt, bindet seine Leute enger.
Nur: Demokratie braucht Vertrauen. Wer dauerhaft alles delegitimiert, sägt an dem Ast, auf dem auch die eigene Partei sitzt.
Warum trotzdem so viele zustimmen
Und trotzdem: Millionen wählen AfD.
Weil sie Themen anspricht, die andere Parteien lange ignorierten. Weil sie die Unzufriedenheit kanalisiert. Weil sie das Gefühl gibt, endlich werde jemand gehört.
Das ist der Knackpunkt: Wer AfD-Wähler verstehen will, darf sie nicht als dumpfe Masse abtun. Sie sind Teil der Gesellschaft. Ihr Protest ist real, Die Mehrheit ist auch nicht Rechtsextrem.
Kein Verbot löst das Problem
Und hier kommen wir zum entscheidenden Punkt: Ein Parteiverbot wäre der bequemste, aber dümmste Ausweg.
Denn: Was passiert mit Millionen Wählern, wenn ihre Partei verboten wird? Sie verschwinden nicht, sie fühlen sich bestätigt. Das Verbot würde zum Märtyrermythos.
Nein, die Lösung liegt nicht in Verboten. Sie liegt in Politik. Politik, die den kleinen Leuten zeigt: Ihr seid nicht vergessen. Politik, die Ehrenamtliche, Pflegekräfte, Handwerker und Kassierer nicht nur beklatscht, sondern ernst nimmt. Politik, die versteht, dass Reichtum nicht im Vorstandsbüro entsteht, sondern auf den Schultern jener, die morgens früh anfangen und spät aufhören.
Denn ohne die kleinen Leute gäbe es keine Reichen. Ohne Ehrenamt gäbe es keinen Vereinssport, keine Feuerwehr, keine Nachbarschaftshilfe. Ohne sie würde dieses Land schlicht zusammenbrechen.
Eine Politik, die das ignoriert, verliert nicht nur den kleinen Mann – sie verliert ihre Glaubwürdigkeit. Und genau das ist die Lücke, in die die AfD stößt.
Das Ding is
Die AfD ist kein Messias und kein Teufel. Sie ist eine Partei, die Schwächen hat – neoliberale Sozialpolitik, extreme Migrationsthesen, aggressive Sprache – und Stärken, die darin liegen, verdrängte Themen laut auf den Tisch zu knallen.
Aber sie ist demokratisch gewählt. Und sie bleibt es, solange niemand bessere Antworten liefert. Ein Parteiverbot? Das ist der Holzhammer, der nur das Problem verlagert.
Die eigentliche Aufgabe liegt bei der Politik: Wer den kleinen Leuten zuhört und für sie arbeitet, entzieht der AfD ihre Basis. Wer sie ignoriert, stärkt sie. So einfach – und so schwer – ist Demokratie.
Herzlichst, Mike
Diskussion erwünscht: Ist die AfD für dich Stimme des kleinen Mannes oder nur das große Maul im Bundestag? Schreib’s in die Kommentare.
Quellen & weiterführende Links
- Deutscher Bundestag: Namentliche Abstimmung zur Mindestlohnerhöhung 2022
- Bundesregierung: Fragen und Antworten zum Mindestlohn (aktuell 12,82 €)
- Bundesrat: Bundestag beschließt Mindestlohn von 12 €
- Bundesamt für Verfassungsschutz: Rechtsextremismus
- LTO (Legal Tribune Online): FragDenStaat veröffentlicht Gutachten zur AfD-Einstufung
- Beck Aktuell: Verfassungsschutz-Gutachten: AfD „gesichert rechtsextremistisch“
- AfD: Grundsatzprogramm
- AfD: Wahlprogramm