Wenn die Jugend wählen darf, sollen die Alten schweigen? – Die absurde Logik des Ökonomen Marcel Fratzscher
Manche Sätze klingen so, als hätte man sie beim Frühstück im Radio falsch verstanden.
„Wenn Menschen in den ersten 18 Jahren nicht wählen dürfen, sollten sie in den letzten 18 Jahren ihres Lebens auch nicht wählen dürfen.“
Das hat Marcel Fratzscher gesagt. Ja, der Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Buchautor, Talkshow-Dauergast, wirtschaftspolitischer Chefdenker der Mitte.
Und nein – das war kein Aprilscherz. Es war eine Aussage im Funk-Podcast Absolute Mehrheit. Das war auch der, der sagt das es für Rentner ein verpflichtendes soziales Jahr geben sollte. Ich habe hier darüber geschrieben.
Kurz danach ruderte Fratzscher zurück: Humor, Satire, Ironie. Alles nicht so gemeint.
Aber: Wenn ein führender Ökonom einen derart grundrechtsrelevanten Satz fallen lässt, darf man darüber nachdenken. Und zwar ernsthaft.
Was hat er wirklich gesagt – und warum?
In der Podcast-Runde ging es um die Frage, ob das Wahlalter abgesenkt oder angehoben werden sollte. Fratzscher antwortete sinngemäß, wenn junge Menschen die ersten 18 Jahre nicht wählen dürfen, dann sollten alte Menschen auch in den letzten 18 Jahren ihres Lebens darauf verzichten müssen.
So steht es nachweislich in mehreren Berichten, unter anderem bei Focus Online.
Kurz darauf folgte der Rückzieher: Laut WELT habe er das „sarkastisch“ gemeint. Sein eigentliches Ziel sei es gewesen, die Ungleichheit zwischen den Generationen sichtbar zu machen. Er wolle, so Fratzscher, auf die „Schieflage“ des politischen Systems hinweisen – ältere Generationen hätten mehr Einfluss, junge weniger.
Das passt zu seinen früheren Ideen:
– Ein Wahlrecht für Kinder, ausgeübt durch ihre Eltern.
– Ein verpflichtendes soziales Jahr für Rentnerinnen und Rentner.
– Wohnungstausch zwischen den Generationen.
Kurz gesagt: Fratzscher denkt gern in gesellschaftlichen Umverteilungen – nicht von Geld, sondern von Einfluss.
Das philosophische Problem: Gleichheit vor dem Wahlrecht
Ein Obergrenzen-Wahlrecht steht im direkten Widerspruch zum demokratischen Prinzip der Allgemeinheit der Wahl. In Deutschland ist das Grundgesetz eindeutig:
Jede Stimme zählt gleich, unabhängig von Geschlecht, Einkommen oder Alter.
Wer Menschen aufgrund ihrer Lebensphase ausschließt, schafft Bürger zweiter Klasse.
Kant würde sagen: Der Mensch ist Zweck an sich, nicht Mittel zur demografischen Balance.
Eine Demokratie, die das Wahlrecht nach Restlaufzeit verteilt, entwürdigt ihre Mitglieder.
Das mag hochgestochen klingen, aber es ist simpel: Das Wahlrecht ist kein Leihvertrag, den man zurückgeben muss, wenn die Haare grau werden.
Das praktische Problem: die Unmöglichkeit der Berechnung
Fratzschers Vorschlag wäre nur haltbar, wenn man im Voraus wüsste, wie lange man noch lebt.
Da das – trotz aller Fortschritte in Statistik und Medizin – niemand kann, wäre eine Umsetzung schlicht unmöglich.
Man könnte höchstens eine fixe Altersgrenze festlegen, zum Beispiel 70 oder 80 Jahre.
Aber dann wäre das keine „letzten 18 Jahre des Lebens“, sondern eine völlig willkürliche Zahl.
Und genau da zeigt sich: Der Vorschlag war nie als ernsthafter Plan gedacht, sondern als Denkanstoß – einer, der sich allerdings selbst ad absurdum führt.
Das moralische Problem: Altersdiskriminierung in Reinform
Eine Demokratie lebt davon, dass alle mitreden dürfen – gerade die, die anders denken.
Alte Menschen auszusperren, weil sie „zu alt“ sind, wäre das gleiche Prinzip, mit dem man früher Frauen oder Arme vom Wahlrecht ausgeschlossen hat: Man erklärt ganze Gruppen für politisch unzurechnungsfähig.
Es stimmt: Es gibt kognitive Einschränkungen im Alter. Aber sie sind individuell, nicht biologisch deterministisch.
Wer ab einem bestimmten Alter das Wahlrecht entzieht, bestraft Millionen geistig fitter Menschen – nur weil einige es vielleicht nicht mehr sind.
Das ist so, als würde man Autofahren ab 70 verbieten, weil manche Senioren nicht mehr gut sehen.
Das politische Problem: die falsche Antwort auf eine echte Frage
Fratzschers Thema – Generationengerechtigkeit – ist real.
Politisch wird in Deutschland zunehmend für die älteren Wähler entschieden, weil sie die Mehrheit stellen.
Renten, Pflege, Eigentum, Erbschaft – das sind Themen, die bei Bundestagswahlen überdurchschnittlich mobilisieren.
Die Interessen junger Menschen (Bildung, Klima, Digitalisierung) haben weniger Gewicht, einfach weil sie zahlenmäßig schwächer vertreten sind.
Aber der Weg, dieses Ungleichgewicht zu beheben, kann nicht sein, Millionen Menschen das Wahlrecht zu nehmen.
Eine gerechte Lösung wäre, das Wahlalter zu senken – nicht zu heben.
Oder, wie der Politikwissenschaftler Herfried Münkler einmal sagte: „Demokratie braucht mehr Beteiligung, nicht weniger.“
Was bleibt von Fratzschers Idee übrig?
Inhaltlich: nichts.
Juristisch: unhaltbar.
Philosophisch: widersprüchlich.
Aber kommunikativ? Volltreffer.
Fratzschers Satz war perfekt gebaut für Social-Media-Empörung: provokant, kurz, scheinbar logisch.
Er hat erreicht, was viele Ökonomen nie schaffen – dass man über ihn redet.
Und er hat ein Gefühl getroffen, das in unserer Gesellschaft rumort: die Angst vor einer alternden Demokratie.
Das ist das eigentlich Spannende:
Nicht der Unsinn der Aussage selbst, sondern das Unbehagen, das sie auslöst.
Was wäre eine sinnvolle Diskussion?
Wenn man Generationengerechtigkeit ernst nimmt, muss man über Folgendes reden:
- Wahlalter ab 16 – mehr Beteiligung, nicht weniger.
Jugendliche tragen politische Verantwortung längst mit: in Ausbildung, Klimadebatte, sozialem Engagement. - „Demeny-Voting“ – Eltern geben eine Stimme pro Kind zusätzlich ab.
So wird das Gewicht der Zukunft gestärkt, ohne jemandem etwas zu nehmen. Wobei es meiner Meinung nach bei diesem Punkt nicht klar ist ob die Meinung der Kinder wirklich vertreten wird. Es wäre also mit Vorsicht zu geniessen. - Mehrgenerationen-Checks bei Gesetzen – jede Reform müsste zeigen, wie sie künftige Generationen betrifft: Schulden, Klima, Rentenlasten.
- Politische Bildung statt Wahlentzug – wer Angst vor „unreflektiertem Wählen“ hat, sollte Bildung fördern, nicht Wahlzettel bei bestimmten Personengruppen verbieten.
- Inklusive Demokratie statt selektiver – Teilhabe ermöglichen, nicht einschränken.
Der doppelte Widerspruch
Ironischerweise kämpft Fratzscher als Ökonom oft für soziale Gleichheit – und schlägt hier das genaue Gegenteil davon vor.
Er will die Stimme der Jungen stärken, indem er die Alten schwächt.
Das ist ungefähr so, als wollte man den Hunger bekämpfen, indem man weniger kocht.
Und noch ironischer:
Würde man seine Logik konsequent anwenden, dürfte auch er selbst bald nicht mehr wählen – Fratzscher ist Jahrgang 1971.
Bleiben also noch gut 30 Jahre. Wenn er recht hat, ist er jetzt schon in der „zweiten Halbzeit“.
Marcel Fratzscher auf X:
Das Ding is
Die Aussage war also nicht ernst gemeint. Aber sie zeigt, wie dünn der Grat zwischen Denkimpuls und Dummheit geworden ist.
Wir leben in einer Zeit, in der Provokation mehr Klicks bringt als Argumente.
Man wirft eine Idee in den Raum, nennt sie später „Satire“ – und freut sich über Reichweite.
Das ist gefährlich. Denn so normalisiert man Denkverbote durch Denkspiele.
Heute sagt einer: „Die Alten sollen nicht mehr wählen.“
Morgen sagt ein anderer: „Die Dummen auch nicht.“
Und übermorgen fragt jemand: „Brauchen wir überhaupt noch Wahlen?“
Das eigentliche Problem ist nicht, dass Marcel Fratzscher Unsinn geredet hat.
Das Problem ist, dass dieser Unsinn so reibungslos in die Debattenlogik unserer Zeit passt.
Empörung wird zur Währung, und Differenzierung zum Luxus.
Was wir stattdessen bräuchten, ist genau das Gegenteil: mehr Nachdenken, weniger Schlagzeilen.
Mehr Diskussionen zwischen Generationen – nicht über sie.
Und eine Demokratie, die sich nicht von ihrem ältesten Teil verabschiedet, sondern von ihrer jüngsten Angst, unmodern zu wirken.
Herzlichst,
Mike
Quellen (faktisch nachweisbare Berichterstattung)
- Focus Online: „Ökonom Fratzscher: ‘Dann sollten alte Menschen auch nicht wählen dürfen’“
- Berliner Zeitung: „Marcel Fratzscher forderte Entzug des Wahlrechts im hohen Alter – jetzt spricht er von Satire“
- Deutschlandfunk: „DIW-Präsident Fratzscher schlägt verpflichtendes soziales Jahr für Rentnerinnen und Rentner vor“
- Süddeutsche Zeitung: „Pflichtjahr für Senioren – Kritik an Fratzscher-Vorstoß“
- ZEIT ONLINE: „Vorschlag für Rentner-Pflichtjahr stößt auf scharfe Kritik“