Das verwendete Bild dient nur zur Veranschaulichung. Es wurde künstlich erstellt und zeigt keine echte Person.
Ich sitze im Kaffeefleck – und sehe eine Frau, die mich nicht mehr loslässt
Manchmal schreibt das Leben die Texte, bevor man überhaupt den Laptop aufklappt.
Ich sitze im Kaffeefleck, oben an der Glasfront, wo man die Fußgängerzone überblicken kann. Der Platz ist perfekt: ruhig, hell, warm. Ein sicherer Ort, während draußen das Leben vorbeiläuft – oder stolpert.
Ich sitze da, trinke meinen Kaffee, und dann sehe ich sie.
Wieder.
Diese Frau.
Ich kenne sie nicht. Aber ich habe sie schon oft gesehen. Bevor man sie sieht, riecht man sie.
Das ist kein Vorwurf. Im Gegenteil. Ich bin mir sicher, sie will gut riechen. Sie würde gerne gut riechen. Niemand möchte, dass Menschen die Straßenseite wechseln, weil der eigene Körper schreit: Ich habe kein Zuhause.
Sie tippelt, mehr als dass sie läuft. Kleine, müde Schritte. Ihr Gang wirkt, als ob jeder Meter sie Kraft kostet, die sie längst nicht mehr hat.
In ihren Händen baumeln Plastiktüten, zu viele, um sie noch tragen zu können. Manche sind eingerissen, andere mit Knoten geflickt. In diesen Tüten steckt ihr ganzes Leben. Oder das, was davon übrig ist.
Ich habe sie schon im Sommer gesehen, barfuß in offenen Schuhen, die mehr Löcher hatten als Halt. Ihre Füße waren wund. Offen. Man konnte die Schmerzen sehen. Und sie lief trotzdem weiter.
Kein Mensch sollte so laufen müssen. Kein Mensch sollte so leben müssen.
Das ist kein Leben.
Das ist bloß noch Überleben – ein täglicher Kampf gegen Hunger, Kälte, Einsamkeit und Scham. Mehr Leid, als ein Mensch je tragen sollte.
Ich sehe ihr nach, und dann trifft mich dieser Gedanke mit voller Wucht:
Diese Frau war einmal ein Mädchen.
Ein Kind, das vielleicht barfuß über eine Wiese gerannt ist. Das gelacht hat. Geliebt wurde. Hoffentlich.
Was ist passiert, dass ihr Leben so endete?
Niemand wird einfach so zu jemandem, der auf der Straße schläft. Da steckt immer eine Geschichte dahinter – meistens viele. Eine für jeden Verlust, jede Enttäuschung, jeden Moment, in dem niemand da war.
Ich merke, wie mir das wehtut. Wie mich die Scham trifft, während ich hier sitze, in diesem warmen Café, mit meinem sauberen Hemd und einem Kaffee, der mehr kostet, als sie am Tag vielleicht zum Leben hat. Ich beobachte sie – und tue nichts.
Ich denke an meine Kinder. An Sarah. An Kevin.
Sie haben alles, was zählt: Liebe. Geborgenheit. Sicherheit. Aber was, wenn das eines Tages nicht mehr reicht?
Was, wenn das Leben sie erwischt, so wie es diese Frau erwischt hat?
Man glaubt ja immer, man sei sicher.
Aber Schicksal ist kein Dieb, der anklopft. Es bricht einfach ein.
Ein Unfall. Eine Krankheit. Eine falsche Entscheidung. Eine Kündigung.
Und schon kann alles, was Halt gab, in sich zusammenfallen.
Dann ist da kein „die anderen“ mehr. Dann sind wir das.
Ich will glauben, dass man etwas mitgeben kann, das schützt. Nicht Geld, nicht Besitz – sondern Herz. Liebe. Menschlichkeit.
Die Fähigkeit, nicht aufzugeben, selbst wenn man alles verliert.
Aber diese Frau … sie geht mir nicht aus dem Kopf.
Sie läuft weiter, und ich schwöre: Jeder sieht sie.
Jeder weiß, dass sie Hilfe braucht.
Und doch läuft sie durch diese Stadt wie ein unsichtbarer Beweis dafür, wie sehr wir verlernt haben, hinzusehen.
Man müsste handeln. Irgendjemand müsste handeln.
Und vielleicht ist es das, was mich am meisten trifft – dass ich es nicht tue.
Ich sage mir, es sei nicht meine Aufgabe. Aber ist es das nicht genau?
Unsere verdammte Aufgabe, hinzusehen, wenn jemand am Boden liegt?
Ich gebe nie Geld.
Aber ich gebe Essen. Trinken. Ein Wort. Einen Blick, der nicht verurteilt.
Es ist nicht viel, aber es ist besser als gar nichts.
Wir alle haben Möglichkeiten.
Die Jacke, die im Schrank hängt.
Die Schuhe, die man nicht mehr trägt.
Oder einfach nur fünf Minuten Menschsein.
Unsere Probleme sind nicht, ob das WLAN stabil ist oder das neue Handy schon draußen.
Unsere Probleme sind, dass wir in einer Welt leben, in der jemand mitten unter uns verwahrlost – und wir gehen vorbei.
Ich gehe vorbei.
Ich sitze hier, im Warmen. Ich sehe hinaus auf die Kälte.
Und plötzlich weiß ich:
Es geht mir verdammt gut.
Und das verpflichtet.
Herzlichst, Mike
Wenn du helfen möchtest:
Hier sind einige Stellen in Pforzheim, die obdachlosen und bedürftigen Menschen wirklich helfen:
Wichernhaus – Pforzheimer Stadtmission
Westliche Karl-Friedrich-Straße 120, 75172 Pforzheim
☎️ 07231 20448-0
✉️ info@wichernhaus-pforzheim.de
www.wichernhaus-pforzheim.de
→ Aufnahme obdachloser Menschen, Wiedereingliederung, Hilfe bei Wohnungssuche.
Caritas Pforzheim
Blumenhof 6, 75175 Pforzheim
☎️ 07231 128-0
✉️ info@caritas-pforzheim.de
www.caritas-pforzheim.de
→ Soziale Dienste, Wohnheime, Beratung und ambulante Hilfe.
Diakonie Pforzheim
Melanchthonstraße 1, 75173 Pforzheim
☎️ 07231 428650
✉️ info@diakonie-pf.de
www.diakonie-pf.de
→ Fachberatung, Unterstützung bei Wohnungslosigkeit, Kleiderkammer, soziale Betreuung.
Wir haben eben im Familienkreis besprochen, das wir helfen werden. Ich halte euch auf dem laufenden!