Es gibt Momente in der politischen Debatte, in denen man als normaldenkender Mensch nur noch dasitzen kann. Mit offenem Mund. Nicht etwa wegen des Staunens. Sondern weil einem der Kiefer vor Fassungslosigkeit ausgerenkt wurde. Willkommen in Deutschland – dem Land, das lieber Barthaare epiliert als Rentner versorgt.
Haare gut, alles gut?
Transfrauen leiden unter Bartwuchs. Ein echtes Problem. Nein, im Ernst – kein Zynismus hier. Für die Betroffenen ist das psychisch belastend, keine Frage. Nur… es gibt da eine Kleinigkeit, die mich kurz innehalten lässt, während ich meine Nebenkostenabrechnung studiere und mein Konto nach sozialer Restverfügbarkeit absuche.
In Baden-Württemberg ist nämlich genau das jetzt ein Thema für die Linkspartei. Die meldet sich nämlich lautstark zu Wort – nicht etwa wegen steigender Altersarmut, nicht wegen der Situation in Pflegeheimen, nicht wegen 70.000 fehlender Kita-Plätze oder dem Umstand, dass Grundschüler teilweise mit einer einzigen Lehrkraft pro Woche auskommen müssen. Nein, das wäre ja langweilig. Und vor allem – bürgerlich.
Stattdessen lautet der Aufreger der Stunde: Krankenkassen übernehmen nicht flächendeckend die Kosten für die Haarentfernung bei Transfrauen. Genauer: die Nadelepilation.
Moment. Nadeln? Epilation? Klingt wie eine Foltermethode aus dem Mittelalter. Ist aber medizinisch. Also, theoretisch. Denn obwohl es laut Gesetz einen Anspruch auf diese Behandlung gibt, hat sich herausgestellt: Kein Arzt will’s machen. Lohnt sich nämlich nicht. Kapitalismus ist eben doch stärker als Diversität.
Wenn Realitätsverweigerung Regierungspolitik ersetzt
Und da kommt Ellena Schumacher Koelsch ins Spiel – designierte Spitzenkandidatin der Linken in Baden-Württemberg. Sie wirft dem System Versagen vor. Weil Transfrauen auf ihren Barthaaren sitzen bleiben. Und das ist natürlich furchtbar. Weil – wer will schon mit einem Bart in einer Gesellschaft leben, die jeden Tag neue Probleme aus dem Nichts erzeugt, während sie die echten ignoriert? Quelle SZ
Laut Schumacher Koelsch müsse die Regierung nun Druck machen. Auf wen? Na, auf Kassen und Ärzte. Damit sie endlich leisten, was auf dem Papier steht: Haare vernichten. Mit Strom. Punktgenau. Am besten mit staatlichem Applaus.
Ich überlege derweil, ob ich meinem Opa auch eine Nadelepilation bezahle – vielleicht nicht für den Bart, aber für die Hornhaut an den Füßen. Der Mann schiebt sein letztes Pflichtjahr in der Pflegeklinik, weil ihm irgendjemand auf X erklärt hat, Solidarität beginne mit 75. Spoiler: Es war ein Linker.
Kassenleistung oder Klassenkampf?
Wir leben in einem Land, in dem man sich ernsthaft fragt, wie Politiker morgens aus dem Bett kommen, ohne sich selbst zu ohrfeigen. Rentner schuften in Minijobs, weil ihre Rente nicht reicht. Pflegerinnen verdienen weniger als TikTok-Influencer. Alleinerziehende müssen Flaschen sammeln, während ihre Kinder vor Tablets sitzen, weil der Hort seit Monaten keinen Erzieher hat.
Und die Linkspartei? Ist empört. Über Haare. Haare, die nicht verschwinden wollen. Haare, die Diskriminierung bedeuten. Haare, die unterdrücken. Haare, die – Moment, war das nicht mal Marx’ Bart, auf dem die Linke stolz war?
Natürlich gibt es auch Laserepilation. Die ist aber nicht immer wirksam. Und Kosmetikerinnen dürfen zwar epilieren, aber die Kassen zahlen es nicht. Was für ein Skandal. Wirklich. Wirklich! Fast so schlimm wie die Tatsache, dass man für eine Darmspiegelung acht Monate warten muss – es sei denn, man kennt einen mit Yacht.
Pflichtjahr für Rentner: Die andere Baustelle
Während die Linke also das Land haarfrei machen möchte, fordert die andere politische Avantgarde gerade das Pflichtjahr für Rentner. Ein Vorschlag, der ungefähr so sinnvoll ist wie eine Steuer auf Sauerstoff – aber wenigstens ehrlich: Die Jungen zahlen schon alles, jetzt sollen die Alten auch noch schuften.
Man stelle sich vor: Opa Erwin, 78, mit künstlicher Hüfte, in der Kita. Oder im Bürgeramt. Oder an der Kasse bei Lidl, wo er verzweifelt den Barcode sucht, während sich hinter ihm die Generation Z kollektiv selbst entfolgt.
Aber das ist okay. Weil Solidarität. Und Pflichtgefühl. Und Demografie. Und weil man nun mal nicht einfach so alt werden kann, ohne die Republik nochmal ordentlich zu entlasten. Schließlich ist Krieg. Also nicht hier – aber irgendwo. Und das kostet.
Und jetzt vergleichen wir das mal:
| Thema | Politische Relevanz | Gesellschaftliche Tragweite | Empörungspotenzial |
|---|---|---|---|
| Rentner schuften lassen | Hoch | Extrem | Geht so |
| Haare bei Transfrauen nicht epiliert | Kritisch | Niedrig | MAXIMAL |
Wer braucht da noch Satire?
Die Identitätspolitik schlägt zurück
Schumacher Koelsch hat also recht: Es ist ein Systemversagen. Nur anders als sie denkt. Das System versagt nämlich dabei, Prioritäten zu setzen. Es versagt darin, den Unterschied zwischen individuellem Wunsch und gesellschaftlicher Notwendigkeit zu erkennen. Es versagt darin, Balance zu halten – zwischen echten Härten und gut gemeinter Symbolpolitik.
Denn ja: Es gibt Transfrauen, die darunter leiden. Aber es gibt auch 2,1 Millionen Kinder in Armut. Es gibt 500.000 Menschen ohne festen Wohnsitz. Es gibt 1,2 Millionen Pflegebedürftige, die nicht ausreichend versorgt werden. Nur: Diese Gruppen haben keine Lobby. Und keinen pinken Hashtag.
Die neue Linke scheint ihre politische Energie aus Shitstorms zu ziehen. Wer nicht sofort mitmarschiert, wird gecancelt. Wer Fragen stellt, ist transphob. Und wer darauf hinweist, dass der Staat vielleicht gerade andere Probleme hat, ist ein alter weißer Mann mit toxischem Bart.
Das Bartmanifest
Wir leben in einem Land, in dem Haarentfernung zum Gradmesser gesellschaftlicher Gerechtigkeit wird – während Senioren Flaschen sammeln, um sich eine Packung Maultaschen zu leisten. In dem Politiker lauter schreien, wenn es um Identitäten geht, als wenn es um Existenzen geht. In dem das „Ich fühle mich benachteiligt“ inzwischen wichtiger ist als „Ich habe nichts zu essen“.
Vielleicht brauchen wir eine neue Hymne:
Deutschland, du haariges Land
Epilier mich, weil ich es kann
Lass Rentner schuften, ist ja klar
Doch meine Stoppeln sind Gefahr!
Ich überlege, ein neues Start-up zu gründen. Nadelepilation für Rentner. Kombiangebot: Pflichtjahr & Bartentfernung. Motto: „Kratzen Sie sich nicht – machen Sie was für die Gesellschaft!“
Das Ding is:
Wenn wir anfangen, individuelle Identitätswünsche über kollektive Notlagen zu stellen, dann wird Politik zum Hobbypsychologiekurs mit Genderzertifikat. Niemand stellt in Abrede, dass Transmenschen Unterstützung brauchen – emotional, medizinisch, gesellschaftlich. Aber es ist eine Perversion der Verhältnisse, wenn in politischen Debatten der Eindruck entsteht, dass Bartwuchs auf einer Wichtigkeitsskala gleichauf mit Altersarmut, Bildungskollaps oder Wohnungslosigkeit liegt.
Deutschland hat Probleme. Echte. Tiefe. Strukturelle. Und wir schaffen es nicht mehr, sie in der richtigen Reihenfolge zu behandeln. Stattdessen verlieren wir uns in moralischen Seitengassen und feiern unsere eigene Selbstgerechtigkeit als Fortschritt.
Politik muss nicht jedes Haar entfernen – aber sie sollte mal wieder den Blick schärfen.
Herzlichst,
Mike
Kommentieren ausdrücklich erwünscht. Was ist für dich wichtiger – Sozialpolitik oder Identitätspolitik? Schreib’s in die Kommentare.