Überzeugungen sind bequem. Man setzt sich drauf wie auf ein Sofa und nennt das dann Haltung. Der Satz von Friedrich Nietzsche trifft genau diesen Punkt: Überzeugungen können gefährlicher für die Wahrheit sein als Lügen. Weil Lügen meistens wenigstens als Lügen erkennbar sind. Eine Lüge riecht oft nach Absicht. Eine Überzeugung riecht nach Gewissen.
Wer lügt, weiß zumindest, dass er einen Trick macht. Wer überzeugt ist, hält den Trick für Naturgesetz. Und genau da wird es blöd. Überzeugungen bauen sich gern eine kleine Festung im Kopf: Man wählt aus, was passt, blendet aus, was stört, und nennt das dann Realität. Der Mensch ist dabei erstaunlich kreativ. Widersprüche werden nicht gelöst, sie werden umetikettiert. Kritik wird nicht geprüft, sie wird als Angriff gewertet. Und irgendwann ist nicht mehr die Wahrheit das Ziel, sondern das Rechtbehalten.
Das ist die eigentliche Gefahr. Nicht, dass jemand mal falschliegt. Sondern dass jemand gar nicht mehr falschliegen kann, weil er sich innerlich immunisiert hat. Alles, was dagegen spricht, ist dann automatisch manipuliert, gekauft, ideologisch, dumm oder böse. Und damit ist das Gespräch tot. Eine Lüge kann man widerlegen. Eine Überzeugung verteidigt sich oft selbst gegen Belege.
Nietzsche war kein Wohlfühl-Philosoph. Er war eher der Typ, der die Lampe anmacht und sagt: Schau dir den Staub an. Seine Provokation zielt nicht darauf, dass man gar nichts mehr glauben soll. Sondern darauf, dass man merkt, wie schnell Glaube in Starrheit kippt. Überzeugung kann ein Motor sein, klar. Aber sobald sie wichtiger wird als Korrektur, wird sie zur Bremse für Erkenntnis.
Vielleicht ist der ehrlichste Test für eine Überzeugung die Frage: Was müsste passieren, damit ich meine Meinung ändere? Wenn darauf keine Antwort kommt, ist es nicht Wahrheitssuche, sondern Identitätspflege.
Das Ding is: Wahrheit ist nicht das, was sich gut anfühlt, sondern das, was einer Prüfung standhält. Überzeugungen sind dann gefährlich, wenn sie das Prüfen ersetzen. Wer wirklich an Wahrheit interessiert ist, muss bereit sein, sich zu irren – und das nicht nur theoretisch.
Und jetzt sag du: Wie verstehst du dieses Nietzsche-Zitat? Wo hast du Überzeugungen erlebt, die mehr kaputt gemacht haben als eine offene Lüge?